5. August 2026 – WmdedgT

(Alles zu WmdedgT wie immer bei Frau Brüllen.)

Die Nacht war grauenhaft. Um halb 3 nachts wachte ich mit einer beginnenden Migräne auf, ging auf den Balkon in dem naiven Gedanken, mich zu erfrischen, doch dort hatte es – um 2:32 Uhr – noch 30 Grad. Wi-der-lich.

Um 6 Uhr erwachte ich erneut, nun ohne Migräne dafür in einem körperlichen Zustand wie diese winzigen Männchen aus Kinderzeitschriften, die man in Wasser legen kann und dann wachsen sie auf die größe eines echten Menschen heran. Was natürlich gelogen ist, sie werden nur so ca. 10 cm groß, ich bin aber 176 cm groß, umso schlimmer das alles, bleiben Sie einfach bei dem Bild eines derart aufgequollenen Menschen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich es ertrage, weiterin Matratze an meinem Körper zu spüren, also blieb ich wach. Sowieso wollte ich schwimmen gehen, je früher desto besser. Wegen der Hitze konnte ich mich allerdings nur sehr langsam bewegen und zusätzlich nicht denken, eine sehr schlechte Kombination, die dazu führte, dass es knapp zwei Stunden dauerte, bis ich einen Badeanzug unter Shorts und T-Shirt trug und meine – bereits am Vorabend gepackten – zwei Taschen inklusive aller Telefone und Schlüssel aus dem Haus gebracht hatte (ich musste dreimal sehr langsam umkehren)

So war ich erst um kurz nach 8 im Schwimmbad. Und nun geschah es: das Universum gab mir ein Zeichen. Es ist nämlich so, dass ich vor einigen Monaten erfuhr, dass ein Kollege dasselbe Schwimmbad frequentiert wie ich. Dieser Kollege ist niemand, mit dem ich meine Freizeit verbringen möchte und zum Glück hatte ich ihn noch nie im Schwimmbad getroffen. Auch heute nicht, heute traf ich ihn aber vor dem Schwimmbad auf dem Parkplatz, er fuhr weg, ich kam an. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich keinesfalls früher aufstehen sollte als bisher, um schwimmen zu gehen. Ich habe verstanden.

Das Wasser war trotz früher Uhrzeit viel zu warm. Ansonsten war alles gut. Ich kann jetzt tatsächlich so lange Kraulschwimmen, wie ich will, egal ob mit oder ohne Kurzflossen. Wenn ich angestrengt werde, schwimme ich langsamer oder atme häufiger, wenn ich mich erholt habe, wieder etwas schneller, es ist jetzt genau so, wie es beim Brustschwimmen schon immer war. Das macht mich glücklich.

Ankunft im Büro um 9:30 Uhr, es hatten sich erfreulich wenige Mails über Nacht angesammelt und ich konnte sofort mit geplanten Erledigungen beginnen. Um 11 Uhr dann ein geplantes Gespräch mit einer MItarbeiterin, bei der es zum einen um ein Sachthema ging und zum anderen um ein persönliches Thema, nämlich das Verschicken von unangemessen formulierten Mails. Wir hatten darüber schon zweimal zuvor gesprochen, jedoch offensichtlich nicht nachhaltig. Daher stellten wir heute im Gespräch eine Liste auf, an der man erkennen kann, dass eine Mail, die man selbst schreibt, „verdächtig“ ist. Ich teile diese Liste hier gerne, ich denke, sie kann ganz grob auch für Kommentare und Replys in Social Media gelten:

Pro bejahender Antwort ist 1 Punkt zu zählen, außer es ist anders angegeben:

Bin ich verärgert?
Fühle ich mich vollkommen im Recht?
Bin ich überzeugt, dass ich den Sachverhalt zweifellos in allen Einzelheiten überblicke?
Bin ich der empfangenden Person gegenüber (aktuell) nicht wohlwollend gestimmt?
Schreibe ich eine Mail, statt das persönliche Gespräch zu suchen, weil cih am Standpunkt des Gegenübers nicht interessiert bin?
Schreibe ich eine Mail, statt das persönliche Gespräch zu suchen, weil ich befürchte, in einem Gespräch die Fassung zu verlieren?
Steht bei der Mail das Ziel, Dampf abzulassen, im Vordergrund?
Nehme ich Personen ins BCC? (1 Punkt pro Person)
Enthält meine Mail mehr Großbuchstaben als für die korrekte Rechtschreibung notwendig? (1 Punkt pro überflüssigem Großbuchstaben)
Enthält meine Mail ein Ausrufungszeichen außerhalb eines positiv-wertschätzenden Kontextes? (1 Punkt pro Ausrufungszeichen zählen)
Enthält meine Mail mehrmals dasselbe Satzzeichen direkt hintereinander? (pro Vorkommnis pro Satzzeichen einen Punkt zählen)
Kommen Fettdruck, Unterstreichungen oder ähnliche Hervorhebungen vor? (pro Vorkommnis einen Punkt zählen)

Die Anzahl der Punkte sind die Stunden, die ich vergehen lassen sollte, bevor ich die Mail (nach nochmaligem Durchlesen) tatsächlich abschicke. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich es aber wirklich nicht aushalte, zu warten, bis diese Zeit vergangen ist, verdoppelt sich der Zeitraum. Ab 12 Punkten ist davon auszugehen, dass diese Mailfassung insgesamt nicht geeignet ist. Sie wird gelöscht und ein anderer Lösungsansatz gesucht.

Ich bin gespannt, ob es mit dieser Checkliste nun besser funktioniert.

Mittagessen mit einer anderen Mitarbeiterin, die ich in ein Restaurant einlud. Es gab bei ihr ein Schicksalsereignis in der Familie, wir besprachen, wie es nun (beruflich) weitergehen kann.

Nun war es schon 15 Uhr, es stand ein längeres Gespräch mit den Steuerexperten zur (immer noch – seit September letzten Jahres!) laufenden Steuerprüfung an, zentral dabei die Frage, inwieweit die aktuellen Anforderungen noch zumutbar sind. Steuern sind ein Gebiet, auf dem ich mich nicht gut auskenne, dafür gibt es eine Fachabteilung und externe Dienstleister. Ich bin lediglich als Schnittstelle dabei und finde das alles sehr interessant, weil ich viel Neues dabei lernen kann.

Den restlichen Arbeitstag verbrachte ich damit, neue Erkenntnisse bzw. Entwicklungen in bestehende Abläufe zu integrieren.

Gegen 19:30 Uhr Ankunft zu Hause, Außentemperatur gleich Innentemperatur (29 Grad), also Lüften. Heute war ich mich Kochen an der Reihe, wir hatten erfreulicherweise noch Reste im Kühlschrank, die ich für Herrn N aufwärmte, ich selbst habe ja mittags schon gegessen. Für mich gibt es gleich noch eine neue Wassermelone und vielleicht ein Eis. Und dabei wollte ich ein Buch lesen, habe aber gerade erfahren, dass Frau Herzbruch später für ein Telefonat zu haben ist. Darauf freue ich mich!

2. August 2026

Was alles liegen bleibt. Wenn man sich ein paar Monate am Rande des Machbaren bewegt.

Morgens räumte ich den Kühlschrank auf. Die Lieblingsbiersorte von Papa N, von der ich immer eine Flasche gut gekühlt mit ins Pflegeheim nahm. Das alkoholfreie Bier, das er bei seinem Krankenhausaufenthalt im Januar so gern getrunken hatte. Die Gläschen mit frisch geschnittener Melone und Kühlpacks, um sie frisch zu halten, bis sie den Patienten 250 km entfernt erreichen. Ihn dann aber nur schlafend antreffen, das Gläschen wieder mit zurück, vielleicht für das eigene Frühstück am nächsten Morgen, zu dem es dann aus Zeitgründen nie kommt. Und bei der nächsten Fahrt lieber ein neues Gläschen machen, das alte ist zwar erst zwei Tage alt aber in einem fragilen Zustand lieber nichts riskieren zumal bei den Temperaturen. Und zwei halbe Melonen entsorgt, zu deren Schnippeln es dann nicht mehr kam und auf die ich mich für mich selbst bei langen Autofahrten freute, für den Abend, aber dann war ich immer zu müde und irgendwann habe ich sie vergessen. Wie auch die Karotten und die Gurken.

Im Gemüsefach kleine Kakao-Trinkpäckchen, die ich quasi im Gegenzug aus dem Krankenhaus mitbekommen habe. „Du musst ja auch was für die Fahrt haben“. Dass ich schon in der Grundschule keinen Fertigkakao mochte, geschenkt. Es ging um die Geste.

Auf dem Schreibtisch ein Karton mit Keksen, den Lieblingskeksen, die er aber seit einigen Wochen nicht mehr gut abbeißen konnte, ein gesamtes Sortiment an leichter zu kauendem Gebäck zum Durchprobieren, von dünn-knusprig zu dick-weich. Ein anderer Karton mit schönen Erinnerungen aus der Wohnung, die ich ihm nach und nach mitbringen wollte ins Pflegeheim, um ihn nicht zu überfordern. Daneben jetzt ein Karton mit den Sachen aus dem Pflegeheim: die Weihnachtskeksdose, die Uhr vom Nachttisch, das Handy, eine Armbanduhr, ein Stift mit Gravur, ein paar Bilder und – wo er den in den vergangenen vier Monaten aufgegriffen hat, wird jetzt für immer Papa Ns Geheimnis bleiben – ein Modeschmuck-Damenring. Daneben eine Tasche mit Sachen aus dem Krankenhaus. Die Brille, eine Zeitschrift und die drei Bücher, die ich mitgebracht hatte zum Vorlesen, eins nach dem anderen in abnehmender Komplexität. Ähnlich wie mit den Keksen in immer hilfloseren Versuchen, zu kompensieren, aufzuhalten, doch noch die Kurve zu kriegen.

In Ms altem Zimmer steht ein Schrank, in dem ich ausreichend Platz habe für die Fotoalben, die anderen Bilder und ein paar ausgewählte Erinnerungsstücke, die für mich keinen Gebrauchswert haben, aber die ich nicht weggeben möchte. Dort sind nun auch die Uhren, die Brille und der Stift. Beim Einräumen dachte ich für einen Moment, im Schrank würde es nach der Wohnung meiner Eltern riechen, vielleicht durch die ganzen Gegenstände. Als ich ihn dann nochmal öffnete, bemerkte ich aber, dass er nur nach Holz roch. Dafür tickt der Wecker munter vor sich hin und ist sogar auf die richtige Uhrzeit eingestellt. Ich ließ ein Lächeln im Schrank und schloss die Türen wieder.

Leider auch auf dem Schreibtisch: Etwa vier Zentimeter Papier, an das ich keine Erinnerung habe. Also auch nicht, ob ich mich schon darum gekümmert habe oder nicht und vieles hat seine Relevanz verloren. Visitenkarten der Stationen im Uniklinikum, Behandlungsvereinbarungen, Einladung zum Grillabend im Pflegenheim, Kontoauszug aus der „Taschengeldkasse“, Steuerbescheid und letzte Nebenkostenabrechnung von Papa N, Kündigungsbestätigungen von allem Möglichen, Einladung zum Angehörigenabend, Rechnungen vom Sanitätshaus. Und viele Notizzettel zu notwendigen Bestellungen und notwendigen Fragen und Telefonaten, natürlich aber auch zu eigenen Angelegenheiten: wer beauftragt den Fliesenleger für das Loch im Bad, neuen Termin machen für das Gäste-WC, Termin machen für die neue Brille und zur Zahnkontrolle. Halbfertige Vorgänge zu Kostenerstattungen, vielleicht auch fertig oder gar nicht angefangen, ich habe den Überblick verloren und werde mich neu einarbeiten müssen. Die Teilnahmeurkunde vom Gesangsworkshop. Der war vor gut drei Monaten, es kommt mir vor, als sei eher ein Jahr vergangen.

Den Alltag zurückerobern, das ist die Aufgabe für die nächsten Wochen.

29. Juli 2026 – Lerchenschwumm

Heute schloss ich mich erstmalig auch dem Prinzip „Lerchenschwumm“ an. Üblicherweise gehe ich mittwochsabends schwimmen. Seit Sommereinbruch schaffe ich das nicht mehr, zum einen, weil die Freibäder nur bis 20 Uhr geöffnet haben (im Gegensatz zu den Hallenbädern, die bis mindestens 21 Uhr, teilweise bis 22 Uhr den Besuch erlauben). Zusätzlich ist es natürlich auch gegen 18:30 Uhr viel zu heiß und sonnig draußen, als dass ich meine Haut diesen Zuständen ungeschützt aussetzen würde. Und nochmal zusätzlich sind die Freibäder überfüllt.

Also kam ich heute als relativ späte Lerche um 8 Uhr im Schwimmbad an und wurde sofort integriert. Schon am Spind stellte sich Irma (wie ich erfuhr) vor mich und sagte: „Wer bist du denn?“ Ich nanne meinen Namen, Irma ihren, sie fragte, ob ich Wassergymnastik im flachen Becken mache oder Schwimmen im tiefen Becken, das würden sie nämlich trennen. Ich beglückwünschte zu dieser vorausschauenden Ordnung, bekannte mich als Schwimmerin und sie nahm mich am Arm, um mich „den anderen“ vorzustellen. Die Namen konnte ich mir nicht alle merken, schon kam auch ein Mann und sagte „Das ist die, die in den Männerduschen war!“. Worauf sich Irma sofort schützend vor mich stellte mit den Worten: „Das ist die Neue, die kann nicht wissen, welche Dusche wo ist, wegen der Zettel!“. 

Die Zettel hatte ich auch gesehen. Ob sie, wie Irma für eine wahrheitsgemäße Aussage etwas zu laut behauptete, die Schilder an den Duschen überdeckten, weiß ich nicht mehr, ich trug auch keine Brille, sowieso war in der Dusche aber gar kein Mann, die Duschen an sich sind geschlechtslos und ich war maximal 30 Sekunden darin, denn ich wollte ja nur kurz Staub und Schlaf vor Eintauchen ins Schwimmbecken entfernen und dann waren – wie die Zettel ja auch warnend bemerkten – die Duschen unangenehm warm. Wobei ich warmes Wasser so gut wie immer unangenehm finde. Es fühlt sich ja komplett anders an als kaltes Wasser, gar nicht richtig wie Wasser eigentlich.

Das Warmwasserproblem hatte ich auch ganz massiv vor drei Wochen in London. Ab Flughafen Heathrow gab es überall nur noch warmes Wasser am Handwaschbecken. Nichts finde ich ekelhafter als das. Und es war überall so, in Restaurants, in Pubs, in einfach allen Gebäuden. Ich weiß, England ist sowieso Wasserhahn-gechallenged, man hat sich dann wohl einfach die Variante für „kalt“ eingespart. Das Schlimmste Wassererlebnis war in der Unterkunft – Abreise zu Hause um 5 Uhr, Landung um 8 Uhr (Ortszeit), durch die 30-Grad-im-Schatten-heiße Stadt stromern bis 16 Uhr und dann, in Erwartung einer kalten Dusche, nur warmes Wasser. Ich dachte für einen Moment, ich müsse sterben, doch dann goss ich mir in der Dusche den Inhalt der Wasserflasche aus dem Kühlschrank über den Kopf und war gerettet. Jedenfalls für diesen ersten Tag.

Zurück zum Lerchenschwumm, das Wasser im Becken war angenehm frisch und die Personendichte angenehm gering. Einmal Altdeutsch-Rücken, viermal Brust (eine davon Irma), ein Herr kraulte und favorisierte dabei die Technik des Auf-der-Stelle-Kraulens. So hatte ich sogar ausreichend Platz für meine nicht ganz perfekten Rollwenden und konnte meine Strecke ohne Unterbrechungen schwimmen. 

Bis die Hallenbäder öffnen, werde ich jetzt immer morgens schwimmen gehen. Immerhin, ein Sommerproblem ist gelöst. Es verbleiben ja noch ausreichend andere.

Tschüss, Papa N.

(Dieser Beitrag ist besonders für InaPoe, Joriste, Fischköppi und Hafensonne, nahoernsiemal und gurkenwurst, Vanessa, Stedtenhopp, die Kaltmamsell, Katzentratschen, Giardino, Frau Brüllen, Maike Paul, ubrummak, maske_katja, Frau Klugscheißer, Majorie, Kuchenschwarte, bhollerholler, Alba/OddlyFlowers, Rebekka, hotelmamama, Miss Megaphon, Buddenbohm, papperlapapp, Isabella Donnerhallen, Feodora, fliggerit, Küchenlatein, Isabel, Crocodylus, Violinista, NitroNika/5Kaffeespäter, jawl, Excellensa, Francine, Bettina und Linda vom Lesedings)

Ihr Lieben, ich danke euch von Herzen, dass ihr alle an Papa N und mich gedacht habt und die Traurigkeit ein kleines Stückchen mittragt. Papa N ist an den Folgen einer Lungenentzündung, letztendlich aber an „Alter“ gestorben. Schon bei einer Herz-OP Anfang des Jahres konnten nur zwei von drei Engstellen versorgt werden, weil sonst durch das notwendige Kontrastmittel die Nieren versagt hätten. Die für das Herz notwendigen Blutverdünner verursachten durch die morschen Gefäßwände überall Blutungen und es wird dann mit der Zeit immer schwieriger, diese ganzen Dinge auszubalancieren. Die Lungenentzündung hat das Gleichgewicht dann final gekippt. 

Papa N war immer ganz er selbst, ein Mensch mit riesiger innerer Freiheit, einer Offenheit für alle Menschen und einer bedingungslosen Großzügigkeit: alles, was er konnte und wusste und hatte, hat er geteilt und sich darüber gefreut, dass er das tun konnte. Er hatte die große Gabe, das Gefühl zu vermitteln, dass vielleicht nicht alles immer gut wird, aber dass wir alles, was kommt, irgendwie hinkriegen.

Ich wäre gerne im letzten Moment bei ihm gewesen, aber er hat sich dann doch schneller auf den Weg gemacht, als alle erwartet hatten. Und so war ich gerade auf der Autobahn, als er starb, um meine Sachen für die nächste Nacht zu holen, die ich dann bei ihm verbringen wollte. Darüber bin ich traurig, und gleichzeitig ist es natürlich gut, dass es so schnell ging und er nicht länger im Krankenhausbett herumliegen musste.

Momentan bin ich hauptsächlich unfassbar müde. Seit 2018 befand sich bei mir immer irgendein Familienmitglied in einer existenziellen Krisensituation. Seit Jahresanfang, als Papa N schon einmal im Krankenhaus war, bin ich rund 30 Mal dorthin gefahren, um ihn zu besuchen und die Wohnung aufzulösen – neben einem (etwas-mehr-als)-Vollzeitjob und einem Familienleben 250 km entfernt. Ich hätte das für ihn liebend gern noch undendlich viel länger gemacht. Gleichzeitig merke ich jetzt, wo es vorbei ist, wie viel Kraft diese Jahre gekostet haben.

Nach rund 8 Jahren ständiger Sorge, Erreichbarkeit und Anspannung weiß ich noch gar nicht genau, wer ich ohne all das bin. Das werde ich nun hoffentlich herausfinden.

28. Juni 2026 – 17. Sommertag

An einem Tag mit lebensbedrohlicher Hitze vier Stunden als Begleitung an einem Patientenbett stehen ist auch eine eindringliche Erfahrung. Es ist völlig überfüllt dort, unfassbar viele Personen mit Hitzeschäden und zwar im wesentlichen sehr alte Menschen und dazu viele junge Männer in Sportkleidung. I listen and I judge. Der Arzt, der die jungen Männer wieder auf die Beine brachte, war auch judgy und erklärte den jungen Menschen, dass sie mit ihrem dummen Verhalten nicht nur sich sondern auch andere in Gefahr bringen, indem sie die Kapazitäten, die für andere zur Verfügung stehen sollten, abschöpfen.

Da die Uniklinik mit mobilen Trennvorhängen Behelfskabinen geschaffen hatte, gab es viel zu hören. So auf der einen Seite von Papa N eine Dame, die sich bei einem Sturz das Becken gebrochen hat und über starke Schmerzen klagte, Schmerzmittel jedoch kategorisch ablehnte, denn davon würde ihr übel. Egal wie oft die unfassbar geduldige Ärztin erklärte, dass es zum einen etwas völlig anderes sei, zu Hause Aspirin zu nehmen als per Infusion ein völlig anderes Medikament zu bekommen und zum anderen, dass sie auch etwas gegen Übelkeit geben könnten, falls diese wirklich eintritt – sie blieb dabei. Denn, Achtung: Medikamente gegen Übelkeit machen dick!

Auf der anderen Seite von Papa N war ein Herr M, eingeliefert mit Verdacht auf Herzinfarkt. Herr M antwortet auf die Frage, ob er Blutverdünner nehme, in voller Überzeugung „Ab und zu!“ und zündete sich wenig später eine Zigarette an. Sie blieb nur sehr kurz an.

Papa Ns Fall war schnell eingeschätzt und die Behandlung eingeleitet, nur warteten wir eben vier Stunden auf einen Transport, weil alle Wagen ununterbrochen im Stadtgebiet im Einsatz sind. Nun ist er auf der Station und hoffentlich in guten Händen.

Was heute gut war am Sommer: wenn mir Schweiß aus den Haaren ins Essen tropft, muss ich nicht aufstehen, und den Salzstreuer holen.

27. Juni – 16. Sommertag

Hört, wie ich das Lob des Sommers singe: es ist ein guter Tag für Hefeteig. Selbst für Wasser aus der Leitung für den Vorversuch, ob die 2024 abgelaufene Trockenhefe noch taugt, musste ich noch nicht einmal den Durchlauferhitzer bemühen. Es kam bereits handwarm aus dem Wasserhahn, einfach so.

Wasser ist hier ein Thema derzeit, denn die Stadt hat Wassernotstand. Es ist zwar genug Wasser da, aber es kann nicht ausreichend für den aktuellen Verbrauch gefördert werden. Denn der Verbrauch hat sich in den letzen zwei superheißen Wochen vervielfacht. Dass der Verbrauch höher ist, erschließt sich mir sofort, auch mein eigener Verbrauch ist es. Normalerweise dusche ich morgens, jetzt dusche ich morgens und abends und manchmal auch kurz nachts. Weil ich viel mehr trinke gehe ich auch häufiger aufs Klo. Und weil ich mich täglich mindestens einmal umziehen muss und auch die Nachtwäsche nicht mehrere Nächte tragen kann, wasche ich viel mehr. Was da bei den Prognosen zur Förderungsmenge und Planung von Förderungskapazitäten falsch eingeschätzt wurde, wird sicherlich jetzt bei den entsprechenden Verantwortlichen diskutiert. Ich bin gespannt.

Ansonsten passiert nicht viel. Es ist ja zu warm für alles.

25. Juni 2026 – 14. Sommertag

Eigentlich ist die Hitze ganz okay. Also jedenfalls, wenn man alle Vorstellungen, die man je vom eigenen Leben hatte, fahren lassen hat.

Heute kamen wieder um 8 Uhr die Handwerker. Der ganz alte Mann war wieder da, diesmal mit einem anderen jungen Mann. Wieder wurde viel über das gekichert, was in den Wänden vorgefunden wurde. „Hihihi guck mal da!“- „Wieso haben die das nur so gemacht?“ – „Hihihi was für ein Unsinn!“ – „Hihihi da auch!“ Den alten Mann konnte ich mit Maracujalimonade ködern. Die kannte er noch nicht und fand sie gut. Der junge Mann trank alles.

Wie geplant wurden sie gegen Mittag fertig, also mit ihrem Auftrag, das Bad an sich ist nicht fertig. Aber uneingeschränkt nutzbar, genau wie alles andere, was mit Wasser zu tun hat, das ist ja erst einmal die Hauptsache. Und wir haben zwar ein paar fehlende Fliesen, dafür jedoch nun eine Sprech- und Sichtverbindung zu den Nachbarn unten drunter und die sind sehr nett. Wir schreiben uns sonst immer WhatsApp, da können wir jetzt viel einfacher immer von Bad zu Bad rufen. Die Handwerker wollten das so lassen, weil „der Rest ja sicher auch zügig erledigt wird“. Ich glaube im Handwerksbereich nicht an „zügig“ und bat darum, wenigestens dafür zu sorgen, dass die Katze nicht durch das Loch fallen kann. Auch wenn die Nachbarn von unten sie ja im Urlaub immer füttern. Ich könnte nachts nicht ruhig schlafen. Das verstanden die Handwerker und bauten eine Vorrichtung aus Panzerband und Abdeckvlies.

Rasch brach ich dann auf ins Büro, denn ich hatte um 15 Uhr einen Termin und musste vorher noch eine Eislieferung aus der Cafeteria auslösen. Ich stieg ins Auto, dass Herr N mir zuvorkommend – er wusste um meine Eile – im Hof direkt vor dem Haus geparkt hatte statt in der Garage. Es hatte eine Million Grad. Ich stieg ein, mir wurde sehr, sehr heiß, üblicherweise schwitze ich ja nicht, doch diese Hitze bewirkte, dass ich nach kurzer Fahrzeit quasi innerlich aufplatzte, meine Schweißdrüsen oder was auch immer, und binnen weniger Sekunden saß ich in Schweiß. Schwindlig und übel wurde mir auch, an Weiterfahren war nicht zu denken, ich hielt bei der nächsten Gelegenheit an, es war ein Supermarktparkplatz, und ich ging sofort in den Bereich mit den Kühltheken. Schon ging es mir wieder gut. Wo ich nun einmal da war, ging ich zu den Wassermelonen. Ich möchte seit längerem Wassermelone kaufen, weiß aber nie welche, zu viel Auswahl. In diesem Supermarkt wurde das Problem nun für mich gelöst, denn ein Herr – kein Marktpersonal, sondern Kunde oder Ehrenamtler – stand an dem riesigen Karton mit den Wassermelonen, beklopfte sie alle und reicht mir eine mit den Worten „die hier geht“. Woher er das wisse, fragte ich – na durch das Klopfen natürlich. Ich erkundigte mich, wie die Melone denn klingen müsse, damit sie gut sei. „Voll!“, war die antwort. Und er führte mir die verschiedenen Melonenklänge durch wildes Kopfen und Springen vor, ein Melonenschlagorchester, jede klang anders, mir wurde wieder schwindlig. Ich nahm die Melone, die ging, der Melonenmann sagte, die Melonen in dem anderen Riesenkarton seien aber insgesamt noch besser. Allerdings auch viel größer. Ich könne ja jemanden zum Essen einladen!

Kurz vor der Kasse kaufte ich noch eine 1,5-Liter-Flasche Wasser und goss sie über mich, bevor ich wieder ins Auto einstieg. Bei Ankunft im Büro war ich schon getrocknet.

Als ich später nach Hause kam, gegen 20 Uhr, waren es noch immer 38 Grad. Ich traf im Hof den Bruder das Nachbarn S. Familie S kommt aus Italien, mein Nachbar S verbringt das Winterhalbjahr dort, kam vor kurzen mit seinem Bruder zurück, der Bruder wird aber morgen wieder abreisen, 17 Stunden Autofahren und sich dann um seine Olivenbäume kümmern. Er bot an, mir über seinen Bruder Olivenöl zukommen zu lassen, überlegte sich dann, dass ich das Öl vorher probieren muss, wollte eine Probe aus der Wohnung holen, kam aber mit Bruschetta zurück, die wir im Hof auf einer Treppe sitzend verspeisten. Nachbarin I huschte durch das Tor und verschwand schnell im Treppenhaus. „Ah, guck mal, diese Frau hat mein Vogelfutter geklaut“, sagte ich mit mehr Phlegma, als ich je zuvor in meinem Leben zur Verfügung hatte. „Na sowas!“, sagte Bruder S und erzählte weiter von seinen Olivenbäumen.

Die Melone ist hervorragend.

24. Juni 2026 – 13. Sommertag

Meine Laune ist stabil schlecht. Auch heute antwortete Nachbarin I nicht auf mein Klopfen und Klingeln. Ich glaube, ich werde nicht weiter das Gespräch suchen. Ich habe für meinen Geschmack sowieso viel zu viel Kommunikation zu der Paketsache. DHL hat sich gemeldet, aber nicht mit einer Auskunft, warum das Paket einer fremden Person ausgehändigt wurde sondern mit einem Formular und einer Frist, innerhalb der dieses auszufüllen ist. Und der Verkäufer hat sich schon wieder gemeldet, die Mitarbeiterin kündigt an, intern mit ihrer Vorgesetzten zu besprechen – blablabla an dieser Stelle wurde mir langweilg, mich interessiert nicht, wer was mit wem zu tun plant und wer welche Entscheidungen treffen darf, mich interessieren nur Ergebnisse.

Im vierten Anlauf seit Oktober letzten Jahres kamen heute zwei Handwerker, um sich um den Wasserschaden zu kümmern. So hatten wir ab morgens um 8 Uhr kein Wasser mehr. Das hat mich allerdings weniger gestresst als die Tatsache, dass der ältere der beiden Handwerker nichts trinken wollte. Er war sehr rot im Gesicht und schwitze stark und verweigerte Wasser, Cola, Limonade, alkoholfreies Bier und Kaffee. Er habe noch nie bei Kundschaft etwas getrunken, denn sonst müsste er ja irgendwann aufs Klo und in seinem ganzen Berufsleben habe er nie die Toiletten seiner Kundschaft benutzt. Ich schlug vor, er könne jetzt gegen Ende seines Berufslebens ja noch einmal etwas ganz Neues wagen. Und sich dann später sagen zu können, den Beruf wirklich in allen Facetten durchlebt zu haben. So ließ er sich zu Cola überreden.

Im Büro litt ich erneut unter einem Übermaß an Storytelling und wurde sehr barsch, als eine Person ihre Teilnahme an einer Führung am Freitag „aufgrund der Situation im Büro“ absagte. Ich fragte natürlich nach, was diese Situation im Büro sei und erfuhr dann: es gab keinerlei Situation, jedenfalls nicht im Büro und auch nicht im Zusammenhang mit der Führung. Dieselbe Person gab mir wenig später Unterlagen verbunden mit einer Entschuldigung, sie kämen verspätet, das länge an ihrem Büroumzug, der letzte Woche stattfand. Die Unterlagen waren allerdings aus November 2025 und mittlerweile sowieso komplett irrelevant, weil ich mir natürlich längst Zweitschriften besorgt hatte. „Was hat das mit dem Umzug zu tun“, fragte ich also und bekam als Antwort „eigentlich nichts“. „Mir war, als hättest Du gesagt, die Unterlagen kommen wegen des Umzugs so spät“, fragte ich nochmal nach. Es gab keine Erklärung dazu. Völlig grotesk. Wenn schon Storytelling, dann doch bitte gutes und unterhaltsames und nicht wirres Geplapper.

23. Juni 2026 – 12. Sommertag

Bei 35 Grad Sperrmüll rausstellen ist angenehmer als bei 39 Grad (die solle es morgen werden). Das war heute richtig gut am Sommer.

Während ich Brett um Brett und Tisch und Zeug aus dem Keller nach oben trug, erwartete ich bei jedem Auftauchen von der Kellertreppe, der Nachbarin I zu begegnen. Jedes Mal malte ich mir neu aus, was ich dann tun würde, von Finger ausstrecken und „Diebin, da ist die Diebin!“ brüllen über fuchtelndes „Gib mir mein Vogelfutter zurück, redde civum avium!“ bis hin zum Ultimo, einem rationalen Gespräch, warum das alles so gekommen ist. Doch die Nachbarin war nicht da (ich klopfte auch nochmal an die Tür). Eigentlich hatte ich sowieso damit gerechnet, dass mindestens ein Mannschaftswagen vor dem Haus steht und ich zwecks Abnahme von Fingerabdrücken gebeten werde, den aufgerissenen Karton, den ich zu diesem Zweck im Keller lagere, herauszugeben.

Auch DHL hat bisher nicht geantwortet, das wiederum erstaunt mich nicht. Dafür hat der Verkäufer geschrieben, dass er um Foto des Pakets und Aktenzeichen bittet und dann eine Ersatzlieferung auf den Weg bringen wird.

Heute kam ein Paket mit Katzenstreu, das stand unten im Haus, unangetastet. Wie gesagt, die Täterin ist klein und zierlich, vermutlich konnte sie es nicht bewegen.

Ansonsten war ich heute zum Haareschneiden. Ich war bei einer für mich neuen Friseurin, weil sie in dem Salon war, in den ich immer gehe. Andere Leute wechseln ja die Frisierperson. Ich nicht. Ich gehe einfach immer in den selben Salon und die Leute, die da Haare schneiden, wechseln. Der kiffende Friseur ist aber nur im Urlaub. Eine sehr junge Frau mit blaufarbigem Iro schnitt mir die Haare, im Laden lief Gothic und Dark Wave der 80er, ich lobte die Musik, die sich für mich positiv vom ewigen Elektrogedudel des Stammpersonals abhob. Die junge Frau wollte mir die Bands und die damalige Szene erklären und ich sagte „entschuldige Mal“ und erklärte es dann umgekehrt ihr. Ich habe noch nie beim Haareschneiden so viel geredet. Ich habe jetzt irgendwie weniger Haare, als ich gewohnt bin. Nicht kürzer sondern weniger Masse. Ich glaube, für den Sommer ist das gut.

22. Juni 2026 – 11. Sommertag

Es ist ja nicht genug damit, dass es grotesk heiß ist. So kam es dazu, dass ich heute noch vor dem ersten Kaffee eine Strafanzeige stellte.

Gegenstand des Streits ist erneut ein Paket. Eines mit Vogelfutter im Wert von 47,24 Euro! Nicht zu Bobby geliefert, nicht zu Familie Spot, auch nicht zu mir sondern zu einer Nachbarin I. Dort wollte ich es heute abholen, traf dabei Nachbarin II an, die mir mitteilte, das Paket sei wohl da, doch Nachbarin I habe es geöffnet und den Inhalt an sich genommen. So weit, so crazy, ich wollte mehr erfahren und fragte, ob ich hereinkommen könnte. Nachbarin I war auch anwesend, schloss sich aber in ihrem Zimmer ein und öffnete auf Klopfen hin nicht, auch nicht auf Hämmern hin und – nicht ganz so erstaunlich – auch nicht auf Brüllen hin.

Ich verließ etwas ratlos den Tatort mit dem Plan, erst einmal ins Büro zu fahren und dort einen Kaffee zu trinken, dann kann ich besser denken. Auf dem Weg rief Frau Herzbruch mich an, weil in ihrem Umfeld glaube ich niemand außer mir 2-Faktor-Authentifizierung mit der Kreditkarte machen kann. So half ich ihr mit einer gerade eben zweistelligen Zahlung aus und berichtete von meinem Dilemma. Frau Herzbruch riet mir zunächst ab, die Angelegenheit weiter zu verfolgen, da Nachbarin I offensichtlich verrückt sei und eine Eskalation vielleicht unangenehm würde. Ich wandte ein, dass die Dame sehr klein und zierlich ist und ich schon daher nichts zu befürchten habe. Gut, sie sei verrückt. „Du aber ja auch“, erwiderte Frau Herzbruch. Das ist durchaus richtig, in Momenten akuter Gefahr war ich in Bezug auf Hemmungslosigkeit mit allen Irren, denen ich bisher begegnet bin, durchaus auf Augenhöhe.

Nach dem ersten Kaffee blickte ich aber schon wieder mit mehr Menschenliebe auf die Welt und rief zunächst einmal bei der Organisation an, die die betreffende WG betreut, um zu erfragen, was sie für die beste Vorgehensweise halten. Leider sagten sie, ich sollte bitte tatsächlich Anzeige erstatten, das sei in der gegebenen Situation am sinnvollsten. Also tat ich das. Und informierte dann noch den Versender und öffnete ein Ticket bei DHL mit der Frage, warum das Paket, für das weder Abstellgenehmigung noch irgendeine Vollmacht vorlag, überhaupt bei Nachbarin I abgegeben wurde. Man hat ja auch sonst nichts zu tun.

So ging der Tag schnell dahin, plötzich war es schon 16:30 Uhr und ich war noch nicht dazu gekommen, zu frühstücken und auch nichts vermisst. Die erleichternde Bürotemperatur von 22 Grad hatte zu so viel Wohlfühlen geführt, dass ich sämtliche andere Körperlicheiten nicht mehr wahrgenommen hatte. Sogar das Trinken hatte ich vergessen. Da um 19:30 Uhr eine Verabredung für Feierabenddrinks anstand, holte ich schnell das Frühstück noch nach und befüllte den Körper in der vebleibenden Zeit mit 2 Litern Wasser.

Die Verabredung war dann sehr schön, auch wenn alles klebte und schmierte und glibschte – nein, kein Sex, einfach nur Hitzesudern. Immerhin hatte ich keine Watte im Kopf. Vielleicht gewöhnt man sich die ständig leicht feuchte und überhitzte Haut mit der Zeit? Es ist ja erst Juni, es gibt sicher noch ausreichend Gelegenheit, das weiter zu erforschen.