Herzregen in Kent – Tag 1
Manche Dinge lassen sich erst mit etwas Abstand erzählen, wenn sie in all ihren Einzelheiten und Zusammenhängen durch die verschiedenen Schichten des eigenen Bewusstseins gesackt sind und sich zu einem Erinnerungskristall, handhabbar und erzählbar, verfestigt haben. So ist es mir heute, im Urlaub mit Herzbruchs in Kent, möglich, die Geschichte von uns und Herrn Schäfer im Urlaub vor einem Jahr in Dingens zu berichten.
Als wir damals im Ferienhaus ankamen und von einem Rasenmähermann namens Frank empfangen und eingewiesen wurden, erwähnte Frank einen Herrn Schäfer, dessen Wäsche er erst am Vorabend gemacht habe, die Sachen hingen daher noch im Wirtschaftsraum, aber ganz hinten, sie würden uns hoffentlich nicht stören. Herr Schäfer sei vor kurzem hier gewesen und käme auch bald wieder, er sei häufiger da. Dies nahmen wir relativ desinteressiert zur Kenntnis. Bei der späteren näheren Untersuchung des Hauses fanden wir, ebenfalls im Wirtschaftsraum, eine Schublade mit haltbaren Nahrungsmitteln, unter anderem Hafermilch. Obenauf lag ein Zettel, in Schreibschrift, der in etwas, das ich Mittelalterrollenspielersprache nennen würde, so grob kundtat (aus dem Gedächtnis zitiert):
Zum Gruße, edle Gäste!
Gehen euch die Vorräte aus, so bedient euch gern an dieser einfachen Speise.
Doch sei euch aufgetragen: Was ihr nehmet, das lasset in gleicher Weise wieder da, auf dass die Vorratskammer nicht leer verbleibe. Ersatz oder ein paar Taler seien mir wohlgefällig.
So wünsche ich euch allzeit guten Hunger und eine angenehme Herberge!
Dies nahmen wir zur Kenntnis, und nahmen uns auch gleich eine Hafermilch.
Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, erwartete mich Frau Herzbruch wie damals beschrieben mit zwei bizarren Nachrichten: zum einen, dass sie abreisen würde und zum anderen, Herr Schäfer sei ein Minnesänger. Beides war falsch, das wurde in beiden Fällen aber erst mehrere Tage später klar. Bis dahin verfestigten sich in unseren Köpfen die Beweise für die Identität von Herrn Schäfer. Wir studierten seine Website und hörten seine Musik auf Youtube. Er hatte kürzlich erst an einem Gesangswettbewerb im Mittelalterhaus auf dem Nachbargrundstück teilgenommen – nur logisch, dass er häufiger in unserem Ferienhaus, dem alten Gerichtsgebäude, aus dem Geschichte nur so hinauspulsierte, unterkam. Die Wäsche im Hauswirtschaftsraum passte von Stil und Statur zu ihm, die Schrift auf dem Zettel sowieso. Wir sahen ihn vor uns in unserem Ferienhaus: wie er in der Abenddämmerung mit der Laute auf der Bank unter der Trauerweide saß und neue Tonfolgen übte, wie er nachts am Tisch unter den zahlreichen Wappen mit der Hand Texte schrieb und verwarf, morgens übermüdet und barfuß in der Küche. Herr Schäfer ist Raucher, Zigaretten und Feuerzeug hatte er hinter einer Zinnbackform, die als Deko im Eingangsbereich hing, versteckt. Vor sich selbst versteckt, er war ja immer allein, getrieben, zerrissen. Das Haus war ganz offensichtlich seine Inspiration, seine Muse. So erklärte es sich auch, dass er trotz Impressumsanschrift im Nachbarort immer wieder im Ferienhaus übernachtete. Er hatte wohl mit dem Besitzer eine Übereinkunft, dass er in Zeiten, in denen das Haus unvermietet bleibt, dort wohnt und für Belüftung, Heizung und Bewässerung des Gartens sorgt.
Es war ein vollkommen stimmiges und rundes Bild. Dass wir an Tag 3 in die 23 km entfernte Apotheke fuhren, die im Ort der Impressumsanschrift von Herrn Schäfer lag, war tatsächlich Zufall, wo wir einmal da waren, fuhren wir natürlich auch an seinem Haus vorbei und als er uns eine Kreuzung weiter in einem alten, schmutzigen Auto entgegenkam, waren wir uns sicher, dass alles wahr ist und wir keinesfalls falsch liegen können.
Manchmal ist es mit den Tatsachen wie mit dem Mond: Man sieht ihn, glaubt, man wisse, was man sieht, und erst später merkt man, dass einem die andere Hälfte gefehlt hat. Bei mir geschah das in dieser Nacht um kurz nach vier. Da saß ich plötzlich schlagartig wach im Bett, weil mein – im Urlaub völlig unterbeschäftigtes Gehirn – in diesem Moment die Information ausspuckte, die irgendwo im Kleingedruckten der Mietvereinbarung für das Haus stand, nämlich der Name des Besitzers: Schefer. Kein Minnesänger sondern ein Architekt. Seine Kleidung, seine Hafermilch, seine Zigaretten. Keine Texte, keine Tonfolgen, keine Muse.
Wie komme ich heute darauf? Mein Gehirn ist für mich nicht immer gut kontrollierbar. Deshalb liebe ich meinen Alltag so sehr, nicht als zwingendes Korsett, sondern als Lichtstreifen, die die Landebahn kennzeichnen, durch die ich nach irgendwelchen mentalen Ausflügen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückfinden kann. Im Urlaub fehlt das, ganz akut bemerkte ich es heute auf einer Autofahrt durch Kent. „Ich glaube, da sitzt eine Stechmücke am Schiebedach!“, sagte ich von der Rückbank. Frau Herzbruch antwortete etwas und ich verstand: „Das ist Ara.“ Der Moment, in dem mein Gehirn verharrte, war nur minimal, vermutlich nicht einmal messbar, dann verstand ich sofort. Frau Herzbruch hat ja eine für mich höchst befremdliche Fixierung auf Fahrzeuge und sagt häufig, wenn wir einem begegnen, seinen Namen auf. Es ist nur ganz logisch, dass sie in ihrem Auto eine kleine Spinne hat und diese intellektuell „Ara“ (nach Arachirgendwas, das mir nicht sofort einfiel), sogar getauft hat. Das alles geschah im Bruchteil eines Moments, bevor mein Mund „Was?“ sagte und Frau Herzbruch deutlicher „Aa!“ wiederholte, denn es war Vogelkacke von außen.
Das Merkwürdige ist, dass wir uns heute an unsere falsche Geschichte noch sehr genau erinnern können, während wir kaum noch wissen, wie es tatsächlich war. Herr Schäfer ist in unserem Gedächtnis erstaunlich gut erhalten, mitsamt Laute, Trauerweide und nächtlichem Schreiben. Der wirkliche Herr Schefer dagegen ist fast vollständig verschwunden. Vielleicht wird es mit Frau Herzbruchs kleiner Autospinne namens Ara ähnlich sein.
Ich finde, meine Geschichten sind deutlich besser als das, was wir als Realität akzeptieren.
(Wenn Sie einen Reisebericht lesen wollten, schauen Sie bei Frau Herzbruch vorbei!)
