22. Juni 2026 – 11. Sommertag
Es ist ja nicht genug damit, dass es grotesk heiß ist. So kam es dazu, dass ich heute noch vor dem ersten Kaffee eine Strafanzeige stellte.
Gegenstand des Streits ist erneut ein Paket. Eines mit Vogelfutter im Wert von 47,24 Euro! Nicht zu Bobby geliefert, nicht zu Familie Spot, auch nicht zu mir sondern zu einer Nachbarin I. Dort wollte ich es heute abholen, traf dabei Nachbarin II an, die mir mitteilte, das Paket sei wohl da, doch Nachbarin I habe es geöffnet und den Inhalt an sich genommen. So weit, so crazy, ich wollte mehr erfahren und fragte, ob ich hereinkommen könnte. Nachbarin I war auch anwesend, schloss sich aber in ihrem Zimmer ein und öffnete auf Klopfen hin nicht, auch nicht auf Hämmern hin und – nicht ganz so erstaunlich – auch nicht auf Brüllen hin.
Ich verließ etwas ratlos den Tatort mit dem Plan, erst einmal ins Büro zu fahren und dort einen Kaffee zu trinken, dann kann ich besser denken. Auf dem Weg rief Frau Herzbruch mich an, weil in ihrem Umfeld glaube ich niemand außer mir 2-Faktor-Authentifizierung mit der Kreditkarte machen kann. So half ich ihr mit einer gerade eben zweistelligen Zahlung aus und berichtete von meinem Dilemma. Frau Herzbruch riet mir zunächst ab, die Angelegenheit weiter zu verfolgen, da Nachbarin I offensichtlich verrückt sei und eine Eskalation vielleicht unangenehm würde. Ich wandte ein, dass die Dame sehr klein und zierlich ist und ich schon daher nichts zu befürchten habe. Gut, sie sei verrückt. „Du aber ja auch“, erwiderte Frau Herzbruch. Das ist durchaus richtig, in Momenten akuter Gefahr war ich in Bezug auf Hemmungslosigkeit mit allen Irren, denen ich bisher begegnet bin, durchaus auf Augenhöhe.
Nach dem ersten Kaffee blickte ich aber schon wieder mit mehr Menschenliebe auf die Welt und rief zunächst einmal bei der Organisation an, die die betreffende WG betreut, um zu erfragen, was sie für die beste Vorgehensweise halten. Leider sagten sie, ich sollte bitte tatsächlich Anzeige erstatten, das sei in der gegebenen Situation am sinnvollsten. Also tat ich das. Und informierte dann noch den Versender und öffnete ein Ticket bei DHL mit der Frage, warum das Paket, für das weder Abstellgenehmigung noch irgendeine Vollmacht vorlag, überhaupt bei Nachbarin I abgegeben wurde. Man hat ja auch sonst nichts zu tun.
So ging der Tag schnell dahin, plötzich war es schon 16:30 Uhr und ich war noch nicht dazu gekommen, zu frühstücken und auch nichts vermisst. Die erleichternde Bürotemperatur von 22 Grad hatte zu so viel Wohlfühlen geführt, dass ich sämtliche andere Körperlicheiten nicht mehr wahrgenommen hatte. Sogar das Trinken hatte ich vergessen. Da um 19:30 Uhr eine Verabredung für Feierabenddrinks anstand, holte ich schnell das Frühstück noch nach und befüllte den Körper in der vebleibenden Zeit mit 2 Litern Wasser.
Die Verabredung war dann sehr schön, auch wenn alles klebte und schmierte und glibschte – nein, kein Sex, einfach nur Hitzesudern. Immerhin hatte ich keine Watte im Kopf. Vielleicht gewöhnt man sich die ständig leicht feuchte und überhitzte Haut mit der Zeit? Es ist ja erst Juni, es gibt sicher noch ausreichend Gelegenheit, das weiter zu erforschen.
