Allgemein

31. Mai 2026 – 6. Sommertag

Ja, es war schon wieder ein Sommertag, auch wenn der Wetterbericht anderes versprochen hatte. Aber wie meine Schwester gestern am Telefon schon sagte, als ich ihr vom angekündigten Gewitter mit Temperatursturz berichtete: „Das wird wieder nicht passieren, es passiert nie! Letzte Woche sagten sie 20 Grad, jetzt sagen sie 24 Grad, morgen sagen sie 26 Grad und dann werden es doch wieder 30“. Mit einer Verbitterung in der Stimme, wie andere Menschen über Politik oder über Männer sprechen. Ich war von beidem nie so enttäuscht wie vom Wetter.

Zudem ist ein weiteres Paket bei U. Spot gelandet. Ist das jetzt das neue Normal, dass Hermes-Sendungen bei Familie Spot ankommen und alles andere bei Bobby? Ich habe erst einmal Hermes gemailt, was das soll. Bei allen drei vermeintlichen Paketlieferungen war ich nämlich zu Hause. Ich glaube, da hat jemand keine Lust, die Pakete auszuliefern. Ich hingegen habe keine Lust, sie bei Familie Spot abzuholen. Zumal Familie Spot nur von 9 bis 21 Uhr arbeitet. Das reicht mir in den meisten Fällen nicht aus. Pakete hole ich bevorzugt entweder vor 8 Uhr oder gegen 23 Uhr ab. Und ich antizipiere schon, dass der nächste Smalltalks sich um mein Bestellverhalten drehen wird. In dem aktuellen Paket sind die Converse-Ballerinas in pink.

Ansonsten: ich finde weiterhin keine drei Dinge täglich, die am Sommer gut sind. Einzige Sache heute: der Amselgesang. Den mag ich wirklich sehr gerne.

Ich erinnere mich, erstmals eine Amsel ganz bewusst gehört zu haben, als ich mit einer Freundin abends im Garten spielte. Es war ein langer Sommertag und nun wurde es dämmrig, wir waren allein, die Erwachsenen irgendwo oben in der Wohnung, es waren Ferien, es gab keine Pläne und keine Verpflichtungen.

Der Amselgesang ist bei mir mit einem kindlichen Gefühl von absoluter Sicherheit, Sorgenfreiheit, Geborgenheit und gleichzeitig Freiheit verbunden. Und darin war schon eine leise Ahnung enthalten, dass dieser Zustand nicht für immer bleiben würde.

Heute weiß ich, dass er nicht geblieben ist. Aber wenn ich den Gesang der Amsel heute höre, hallt dieses Gefühl noch immer ein wenig nach.

29. Mai 2026 – 5. Sommertag

Der Tag gestern zählte nicht als Sommertag, es wurden (dort, wo ich war) nicht über 25 Grad. Ich bin sehr großzügig. Unter 26 Grad wird nicht gehasst.

Heute aber wieder. Und zudem fand heute eine weitere meiner Maßnahmen, den Sommer für mich erträglich zu gestalten, ihre Umsetzung.

Eins meiner Beschwernisse im Sommer ist ja Schuhwerk. Ich laufe gern und viel, ich trage daher gerne Sneakers und, es ist einfach so, ich glaube, die Entwickler der Chucks hatten meinen Fuß im Kopf, als sie den Schuh entworfen haben. Sitzt bei mir immer, keine Größenvariabilität, sitzt morgens, mittags, abends und ich kann darin laufen, so lange ich Lust habe. Ich trage auch noch ein paar andere Schuhsorten (genau gesagt: zwei) sehr gerne, die sind aber empfindlicher und deutlich teurer, ich laufe sie im Alltag in zwei Monaten durch, das tut hier aber alles auch gar nichts zur Sache. Die Frage ist eigentlich: worin kann ich denn im Sommer gut laufen? Also mal angenommen, ich gehe überhaupt raus. Am liebsten halte ich es mit Rio Reiser, aber eben nur in Bezug auf den Fuß, in Bezug auf das Drumherum bin ich viel angepasster. Und während ich als Teenager noch im Sommer Doc Martens (die hohen) trug, habe ich in den letzten Jahren herausgefunden, dass Ballerinas für mich ganz schlau sind, denn die kann man unter jeglichem Tisch sofort abstreifen. Nur halt nicht so wirklich gut darin lange Strecken gehen, dann sind sie auch sofort kaputt. Und da habe ich jetzt die Lösung gefunden, nämlich – Converse-Ballerinas. Heute kamen sie an, natürlich passen sie perfekt, natürlich kann ich hervorragend darin laufen. Ich habe gleich vier Farben bestellt. Sie waren deutlich reduziert, vermutlich sieht außer mir niemand das Potenzial. Ein weiteres Sommerproblem gelöst. Das war gut.

Der Weg dorthin erstaunlich erschwert, übrigens, denn das Paket wurde nicht in Bobbys Kiosk geliefert, sondern in den „U-Spot“. Wer nennt sich denn so? Herr U. Spot?? Bei Bobbys weiß man, woran man ist, da gehört der Kiosk Bobby. Was ist mit den Leuten?

Das Abholerlebnis bei U-Spot war sehr mittelmäßig. Laden mit Neonröhren und schlechter Lüftung, darin drei junge Männer, sie ähnelten sich (evtl. Familie Spot), der eine las meinen Vornamen vom Ausweis, sah mir in die Augen, nannte meinen Namen, stellte sich dann vor, es dauerte alles unnötig lang. Wobei er immerhin nicht schwindelte, als er sagte, der Name sei ihm schon aufgefallen, denn er wusste, dass zwei Pakete für mich da sind statt des einen, von dem ich wusste. Unnötigerweise wollte der dann mit mir Smalltalk machen zu den Paketen, die er noch zur Abholung vorhält, zählte mir die Anbieter auf, von denen sie kommen, es war höchst uninteressant, ich schreibe es hier auf, damit es aus meinem Kopf verschwindet: ungefähr gleich viel (nämlich sehr viel) Zalando und Otto, wenig Amazon, weil die ihren eigenen Lieferdienst haben. Ich fragte nach Zooplus, weil ich ja irgendwie nie anders kann als in Gespräche einzusteigen. Kannte er nicht. Ts.

Dann geschah etwas sehr lustiges. Und zwar hatte sich hinter mir (wenig verwunderlich) eine Schlange gebildet, und sie bestand aus lauter religiösen Menschen, das sah man deutlich – jedoch ganz unterschiedlicher Religionen. So, als sei in der Stadt heute interreligiöser Paketabholtag. Direkt hinter mir waren zwei junge Frauen mit Kopftuch, dahinter ein junger Mann in Kasaya, dahinter eine Frau und zwei Männer, die ganz sicher zu diesen Dingens der Letzten Tage gehörten.

Mir sieht man ja keine Religion an, wobei ich ja keine habe, auch das sieht man mir, behaupte ich, nicht an. Ich bin generell eher inkognito unterwegs. Man sieht mir auch nicht an, was für Musik ich höre, glaube ich, und auch nicht, was ich beruflich mache oder was meine Hobbys sind. Vielleicht bin ich die komische Person, irgendwie etwas paranoid, dass ich in der Öffentlichkeit so quasi getarnt bin.

27. Mai 2026 – Sommertag 4

Heute fiel mir noch etwas ein, was gestern am Sommer gut war. Mein Blick hat sich offensichtlich über Nacht schon etwas geschärft. Gut war, dass Fragmente mir sagte, ich trüge ein schönes Sommeroutfit. Im Winter hätte sie das vermutlich nicht gesagt.

Heute waren zwei Sachen am Sommer gut. Zum einen hatte das Freibad in Neu-Isenburg geöffnet (ich kann es mir leicht machen und jeden Tag ein anderes Freibad der Region aufsuchen, dies dann lobend erwähnen). Und auf dem Rückweg von diesem Freibad, in dem ich natürlich im Winter nicht gewesen wäre, zeigte ein inoffizielles Geschwindigkeitsmessschild mir „Danke“ an. Ich liebe diese Schilder und möchte immer von ihnen gelobt werden, immer das Danke oder den Daumen hoch oder den lachenden Smiley bekommen. Wenn ich mal – das passiert ganz selten – den traurigen Smiley bekomme, drehe ich um und fahre nochmal dran vorbei. Ich kann das sonst nicht aushalten.

Um die Leserschaft informiert zu halten möchte ich noch erwähnen, dass Person 2 ihr Arbeitsprodukt noch immer nicht hat. Wir sprachen am 15. Mai darüber, damals lief die Angelegenheit schon seit vier Tagen. Vorgestern, also Montag, kam ein ganz kleines bisschen Bewegung in die Sache, als Person 2 nämlich in mein Büro kam und sagte, sie schulde mir eine Mail, also eine Antwort, doch hätte heute keine Zeit. Ich schob mit dem Finger eine Augenbraue hoch. Die Vorstellung, ich hätte in dieser Angelegenheit irgendeine Interessenlage, schien mir einigermaßen avantgardistisch.

Gestern kam die Person wieder in mein Büro, schloss die Tür, rutschte melodramatisch halb daran herunter, vergrub das Gesicht in den Händen und sagte, sie müsse jetzt wirklich diesen Vorgang voranbringen, den Antrag formulieren, doch es sei alles so unglaublich kompliziert und sie habe niemals gewusst, dass sie sich bei Erreichen der lang ersehnten und kürzlich erklommenen Stufe der Karriereleiter mit SO ETWAS befassen müsse. Ich wiederholte noch einmal, dass ich den Antrag formulieren kann, dazu nur ein paar Informationen benötige, die ich jetzt auch gleich im Gespräch erfragen konnte. Also stellte ich meine Fragen. Statt sie knapp und sachlich zu beantworten wurde Person 2 sehr emotional, es sei alles nur so, weil eben immer alles so unangemessen verkompliziert und undurchdringlich sei und sie selbst von unglaublichem Pech verfolgt. Ich sagte „jaja, ich brauche nur die Fakten“, versuchte, sie herauszuhören, formulierte daraus den Antrag, schickte ihn Person 2 zur Durchsicht per Mail und bat sie, wegzugehen, die Mail zu lesen und mit dem geballten Hintergrundwissen, über das eben nur Pereson 2 verfügt, den Feinschliff vorzunehmen.

Das war gestern Mittag. Es geschah dann nichts weiter bis heute um 16:48, als Person 2 anrief und fragte, wie lange ich noch da sei, damit wir uns ihrer Sache noch einmal widmen, sie würde jetzt sehr bald meine Mail lesen. Ich antwortete, das sei noch exakt 12 Minuten lang der Fall, dann würde ich ins Freibad aufbrechen. „Das schaffe ich!“ rief Person 2 enthusiastisch.

Ich habe seither nicht wieder etwas gehört.

Sommertag 3

Es ist schon der dritte Sommertag in diesem Jahr. Ich hatte mir am ersten Sommertag – er kam recht überraschend, schnell überlegen müssen, wie ich mich in diesem Jahr zum Sommer verhalten. Schnell wurde klar, dass auch dieses Jahr wieder schlechte Laune angezeigt sein wird. Zusätzlich wollte ich aber an jedem Tag drei gute Sommerdinge festhalten, damit ich nichts übersehe, wer weiß, vielleicht wird Sommer doch noch was für mich, man darf sich verändern.

Das hat bisher nicht geklappt. Also der Teil mit der schlechten Laune schon, der mit den drei guten Sommerdingen am Tag aber nicht. Es ist Tag 3 und ich bin erst bei zwei guten Dingen insgesamt, nämlich 1. Der Badesee ist geöffnet und 2. Auf den Schwimmbadpommes war so viel Salz, dass ich mir an diesem Tag über Salzmangel keine Gedanken machen musste.

Mehr konnte ich beim besten Willen noch nicht finden, ich werde meinen Blick noch schärfen müssen. Das schreibe ich bewusst hier, um Druck aufzubauen, denn Druck beflügelt mich.

Das Wasser im Badesee hatte angenehme 18 Grad, ich schwamm eine Stunde darin herum, dabei kam der Wunsch in mir auf, in einem großen See zu schwimmen oder durch einen großen See zu schwimmen. Daher informierte ich mich abends über Schwimmevents. Es gibt im August eine Atterseequerung, die ich spannnend finde, das ist aber ziemlich weit weg und die Startplätze wohl immer innerhalb weniger Minuten vergeben. Die übrigen Events, die ich fand, schienen mir sehr kompetitiv, ich möchte mich nicht hetzen sondern einfach in Ruhe durch einen großen See schwimmen. Das kann man am Bodensee machen, indem man sich alles mögliche an Personal selbst anmietet, das ist dann sehr exklusiv in jeder Hinsicht.

Ein möglicherweise passendes Event gibt es in Düsseldorf, nicht im Rhein (wäre mir auch zu dreckig) sondern im Unterbacher See. Sogar passende Streckenlängen, noch freie Plätze und ein (halbwegs) passender Termin. Es wird aber erst ein paar Tage vorher anhand der Wassertemperatur entschieden, ob es eine Neoprenpflicht gibt und, wirklich, ich halte es für ausgeschlossen, dass ich mich in Neopren hülle, alles daran stößt mich ab, lieber schwimme ich nicht. So kann man sich, falls diese Pflicht verhängt wird, dann natürlich auch entscheiden, kurzfristig, das Startgeld ist dann aber weg. Ich werde diese Events noch eine Weile beobachten, um eine bessere Einschätzung zu haben. Übrigens: bisher ist nur ein einziges Team, und zwar männlich, für die Staffel angemeldet. Sollte sich ein weibliches Team finden, das mit mir dort die Staffel schwimmen will, hätten wir (Stand heute) hervorragende Chancen auf die Goldmedaille! Auch, wenn wir ganz gemütlich schwimmen.

15. Mai 2026

Vier Arbeitstage nach dem Urlaub und ich habe schon wieder einen Überblick. Und das Chaos ist nicht mehr größer als vor dem Urlaub. Okay, auch nicht kleiner. Doch der Urlaub ging ja über zwei Wochen. Wenn das nach nur vier Tagen schon wieder stabilisiert ist, kann ich das ja öfter machen.

In den letzten vier Tagen gab es auch einen Vorfall, aus dem man lernen kann. Sofort nach Rückkehr wollten zwei Personen unabhängig voneinander von mir ein sehr ähnliches Arbeitsprodukt. Dafür musste ich zunächst Zahlen zusammenstellen und einen Vorschlag dazu machen, die Personen mussten dem Vorschlag dann zustimmen (oder nicht), ich hatte dazu jeweils eine (identische) Rückfrage, nach Klärung dieser Rückfrage war noch eine Genehmigung des Chairman einzuholen, schriftlich, ein begründeter Antrag. Für diesen brauche ich zwei oder drei Stichworte, dann kann ich den Antrag stellen, wenn das OK kommt, kann das Arbeitsprodukt verschickt werden. Beiden Personen war es sehr eilig damit. Generell findet Person 1, ihre Angelegenheiten laufen gut und es werden immer schnelle und gute Lösungen gefunden. Person 2 findet, unsere Abläufe sind unglaublich kompliziert und die Welt hat es darauf abgesehen, ihr das Leben schwerzumachen.

Beiden Personen schickte ich direkt Dienstagmittag quasi zeitgleich (ca. ein bis zwei Minuten Unterschied) den ersten Entwurf.

Person 1 ging, wenn ich mit Vorschlag/Rückfrage anrief, ans Telefon und lieferte die Stichworte zügig. Das OK vom Chairman kam unmittelbar, am Dienstag gegen 15 Uhr war alles abgeschlossen.

Person 2 habe ich bis heute nicht telefonisch sprechen können. Ich habe nach dem ersten Anrufversuch Dienstagmittag eine Mail geschickt, die Antwort kam Mittwoch. Für die sich ergebende Rückfrage rief ich wieder an, leider keine Antwort, also formulierte ich sie schriftlich, die Antwort kam am Donnerstag, so dass ich wieder anrief, um nun die Stichworte für den Antrag abzustimmen. Kein Glück, ich schrieb wieder.

Die Antwort kam gerade, leider hat Person 2 meine Nachricht aber nicht vollständig gelesen, sondern nur den ersten Halbsatz. Oder sie wurde gelesen und nicht verstanden, was ich ungern glauben möchte, denn die Sätze waren denkbar einfach formuliert. Ungefähr „Hier ist der erste Entwurf, wir benötigen nun die Freigabe von XY. Um die für Sie zu beantragen, benötige ich 2-3 Stichworte zum Sachverhalt“.

Die Antwort, die ich gerade bekam, lautet „Super, danke!!“ Sie verstehen, warum ich hoffe, dass nicht gelesen wurde. Es ist jetzt Freitagabend, nach 21 Uhr, ich werde erst am Montag erneut nachfragen. Was mir sehr schwer fällt, denn zum einen mag ich Person 2 wirklich enorm gern und noch lieber mag ich es, wenn Dinge gut funktionieren. Gleichzeitig weiß ich, dass exakt in dieser Situation jetzt die beste Chance für Person 2 liegt, zu begreifen, warum ihr Krempel immer unfassbar lang dauert. Und für mich die beste Chance, dafür zu sorgen, dass die Dinge zukünfig reibungsloser funktionieren. Dafür muss ich diese Angelegenheit jetzt vor die Wand fahren lassen. Schmerzhaft, aber nachhaltig.

12. Mai 2026

Ich verhalte mich antizyklisch. Die Welt macht Hanta-Virus, ich kündigte heute an, mein gesamtes Home-Office-Equipment bis Montag zurückzugeben. Ich weiß, Personen ticken da unterschiedlich: ich sehe es für mich nicht, nochmal über „kurz notfallmäßig“ hinaus von zu Hause zu arbeiten und ich möchte auf gar keinen Fall irgenwo in meiner Wohnung zwei Monitore aufgebaut haben und mir auch nur noch ein weiteres Mal den Zeh am Drucker unter dem Tisch anstoßen.

Die Aktion ist nicht ganz anlasslos – die Prüfung der Geräte nach DGUV V3 steht an, sie müssen daher sowieso einmal kurz zu Besuch ins Büro und ich werde sie dann nicht wieder mit zurücknehmen. Wie in solchen Geschichten, in denen Menschen ihre gebrechlichen Eltern zum Nachmittagskaffee in ein Altenheim fahren und dann nicht wieder abholen.

Heute, am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub stellte ich im Büro fest, dass meine kurze Lunte vor dem Urlaub offenbar gar keine Urlaubsreife war. Sie besteht nämlich fort und ist vermutlich Teil einer neuen Grundhaltung. Wir werden uns alle damit arrangieren müssen, ich selbst auch. Es war schön, mich selbst als nette Person wahrzunehmen. Doch das ist jetzt Vergangenheit.

Knapp 3.000 Mails hatten sich in meinem Postfach während meiner Abwesenheit angesammelt. Das ist kein Tippfehler, jedoch natürlich eine komplett bizarre Anzahl. Ich hatte das, als ich Freitag kurz da war, nicht bemerkt (sonst wäre ich vielleicht nicht wiedergekommen), da ich ein recht ausgeklügeltes Filtersystem habe, das mir auf den ersten Blick nur Mails anzeigt, die (in exakt dieser Reihenfolge) a) vom Chef, b) von meiner Assistentin, c) an mich als einzige Person gerichtet sind. Erst auf den zweiten Blick sehe ich dann die Mails, die an mich im To-Feld gehen, und erst danach offenbart sich der ganze restliche Schlonz, der rund 3/4 dieser Mailflut bildete. Den Schlonz betrachte ich rückwärts chronologisch, denn meist sind es irgendwelche ausufernden Hin- und Hermailungen, bei denen nur noch der allerletzte Stand relevant ist (wenn überhaupt). Einen ganz separaten Ordner habe ich dann noch für Mails, bei denen ich im BCC stehe. Das sind meistens Petz-Mails!

Von meiner ja noch recht neuen Assistentin war keine einzige Mail unter den knapp 3.000. Ich ging morgens als allererstes bei ihr vorbei und sie sagte, es seien schon ein paar Themen aufgetaucht, bei denen sie sich mit mir besprechen möchte. Aber nichts davon sei eilig, daher habe sie nicht gemailt sondern alles auf einem Block notiert und wir könnten uns ja später in der Woche mal zusammensetzen. Ich war kurz davor, sie zu umarmen, auf ein Rollwägelchen zu stellen und durch alle Flure zu schieben, dabei zu rufen „Schaut her, so macht man das, ihr Irrsinnigen!!“ Aber ich hatte Angst, dass sie das befremdlich findet und sie davonläuft.

Die andere neue Assistentin fragte ich heute auch, wie es ihr ergangen war und ob es etwas zu erzählen gäbe. Sie sagte, die Stelle sei ja Liebe auf den ersten Blick gewesen und sie sei immer noch begeistert und „endlich beruflich angekommen“, dann umarmte sie mich und schenkte mir Schokolade. Das fand ich befremdlich, lief aber nicht davon. Es ist ja nichts verkehrt an Schokolade.

10. Mai 2026 – Vorletzter Urlaubstag

„Cola mit Zero?“ fragt der freundliche Kellner die Frau am Nebentisch und ich zuckte. Sofort schreie ich „Liebe Frau nur ein paar Jahre älter als ich oder vielleicht auch nur mehr in der Sonne gewesen, bitte halten Sie einen Moment inne, diese Millisekunde, damit Sie jetzt nicht automatisiert wie ein Sprachmodell antworten, Sie sind allein hier und nicht nebenher am Telefon und lesen auch nicht, Sie müssen keine Sidequests wie Bestellungen automatisiert abwickeln, bitte, bitte nehmen Sie sich diese Millisekunde, die Situation zu verstehen, die sprachliche Ungewöhnlichkeit zu genießen und dann ganz schlicht das zu bestellen, was Sie möchten.“ Vor der Frau auf die Knie sinke ich quasi.

Aber es ist zu spät. Sie kennen das, wenn das Leben sich wie eine Filmszene vor Ihnen ausbreitet und Sie „Cut!“, „Cut!!“, „CUT!!!“ brüllen wollen und wutentbrannt den Regiestuhl durch den Raum werfen, das Set tobend verlassen.

Die Frau hielt nicht inne, sie sagte „ja, nee, äh, meinen Sie…?“ und der Kellner sagte „was? also… – achso…“, Füllworte und Ellipsen umschwirrten meinen Kopf wie Fruchtfliegen und ich war davon genervt. Ich war gelangweilt von der Vorhersehbarkeit, angeekelt vom zähen folgenden Gesprächsverlauf. Und natürlich am allermeisten traurig um die liegengelassene Chance.

Natürlich hatte ich außerdem nur innerlich geschrieen.

Zu den positiven Aspekten des letzten Urlaubstags: ich trank eine Birnen-Salbei-Limonade und konnte plötzlich wieder Birne schmecken. Wie toll ist das denn, das Schmecken ausgerechnet mit Birne wieder zu beginnen? Ich liebe Birne!

Ich fühle mich jetzt auch wieder sicherer. Vorgestern oder so, irgendwann kurz nach Fieber, räumte ich den Kühlschrank auf. Ich konnte weder schmecken noch riechen, es wäre der optimale Zeitpunkt gewesen, mich zu vergiften, entweder für andere oder natürlich auch versehentlich durch mich selbst. Ich betrachtete abgelaufenen Frischkäse, er hatte keine verdächtigen Stellen, ich roch – nichts, ich probierte vorsichtig und es hätte auch Niveacreme oder Deckweiß sein können, keine Ahnung. So hielt ich mich bei allem strikt ans Mindesthaltbarkeitsdatum, das man natürlich auch erst einmal finden und erkennen muss. Und ihm dann noch vertrauen.

9. Mai 2026 – Urlaub zu Hause Tag X (Zählung nicht mehr möglich)

Ich brauchte Zahnseide, um den Kameraschutz von meinem Handy wieder abzukriegen. Zahnseide!! Seit Wochen sagt immer mal wieder jemand bedauernd „oh, du hast deine Kamera gesplitttert“ – habe ich aber gar nicht, es ist nur der Schutz und der ging nicht mehr ab. Durch die ständigen Versuche fing schon der gesamte Kamerabaustein (oder wie auch immer man das nennt) an, sich beim herumfummeln vom Rest der Rückseite zu heben. Heute dann – ganz aus eigener Denkkraft, weder Google noch sämtliche KI-Modelle hatten irgendeine hilfreiche Idee, Föhn und Kreditkarte, dass ich nicht lache! – kam mir der Einfall mit der Zahnseide. Halleluja.

Wobei ich schon fast bereit war, das Handy an sich aufzugeben. Es fällt nämlich ununterbrochen herunter. Egal, wo ich bin, innerhalb von einer Stunde fällt das Handy mindestens zweimal, außer ich habe es in der Hosentasche natürlich. Die ganze Welt lacht mich schon aus. Fragmente und ich haben das wissenschaftlich untersucht, sie ist ja Doktorin der Naturwissenschaften. Das Handy bewegt sich von selbst. Man legt es auf eine (für andere Handys hinreichend gerade) Fläche ein paar Zentimeter vom Tischrand entfernt, führt ein Gespräch und – wenn man es aus dem Augenwinkel beobachtet, sieht man es genau! – das Handy robbt millimeterweise zur Tischkante und stürzt sich hinunter. Auch Papa N. im Pflegeheim habe ich das gezeigt. Das Versuchsergebnis gilt damit als reproduzierbar. Das Handy mobbt mich. Allerdings ist es mittlerweile ja schon ungefähr tausend Mal von Tischen gefallen und hat noch immer keinen Defekt, das hat berührt irgendwas in mir. Vermutlich werde ich traurig sein, wenn es kaputt geht.

Ansonsten: Um 13 Uhr erhob ich mich aus dem Sessel, um die Erkältung hinter mir zu lassen und wieder einem normalen Alltag nachzugehen. All das Geschirr, das ich von Papa N übernommen habe, ist nun in meine Küche integriert. Das „gute“ Geschirr sozusagen, wobei ich es täglich benutzen möchte. Das darf als ansage verstanden werden. Jetzt ist nur noch das Werkzeug zu sichten und einzuordnen. Und danach muss natürlich meine gesamte Wohnung mit Anhängen (Garage, Keller) einmal komplett gesichtet und durchsortiert werden, denn von vielen Gegenständen werde ich jetzt zu viele haben, die können andere besser brauchen als ich. Aber das hat Zeit. Vielleicht mache ich das im nächsten Urlaub.

8. Mai 2026 – Urlaub und im Büro

Ich hatte exakt drei Fälle definiert, in denen ich im Urlaub gestört werden darf: 1. Das top geheime Mega-Projekt XY realisiert sich kurzfristig (das hätte ich nicht verpassen wollen), 2. der Turm stürzt ein, 3. jemand stirbt.

Die Nachricht, die gestern Nachmittag kam, war keine gute, und so war ich dann heute im Büro (das nicht eingestürzt ist), um ein paar Dinge in Bahnen zu lenken. Es war alles top vorbereitet, daher brauchte ich die veranschlagten 1,5 Stunden noch nicht einmal, ich war nach weniger als 30 Minuten fertig und nutzte die verbleibende Zeit, um noch ein paar Personen zum Zusammensitzen beim Mittagessen einzuladen.

Ich konnte mich ehrlich gesagt nur schwer aus dem Büro losreißen. So ein schöner, aufgeräumter Raum, alles ganz frisch geputzt. So viele Menschen mit ganz vielen Anliegen. Und ein kleiner Stapel Post lag da. Briefpost ist ja selten geworden. Ein Brief fiel mir ins Auge, er war nämlich in einem Umschlag von unserem Firmenbriefpapier, allerdings in einer Variante, die wir seit zwei Jahren nicht mehr verwenden. Diesen einen Brief schaute ich mir trotz Urlaub näher an. Und siehe da, offenbar findet auch die Post, dass Briefpost selten geworden ist, und hat deshalb vorgesorgt: Briefe aus dem Jahr 2024, die nicht zugestellt werden konnten, wurden einfach bis 2026 aufgehoben, um nun als Rückläufer ausgeliefert zu werden.

Da ich einmal unterwegs war, erledigte ich einen kleinen Einkauf gleich mit, so muss ich morgen nicht raus, wenn ich nicht will. Es könnte gut sein, dass ich dennoch will, ich fühle mich nämlich genesen.

Im Sinne der Vernunft setzte ich mich nach diesem Ausflug erst einmal wieder in den Sessel. Vielleicht auch, um mir keine unangenehmen Vorträge nahestehender Personen einzuhandeln. Bis ich dann am Abend zum Chor aufbrach. Natürlich nicht, um zu singen, das geht nun wirklich noch nicht. Nur um die Noten für das neue Programm abzuholen und ein paar Unterlagen für die Buchhaltung. Das Radfahren tat sehr gut, gleichzeitig war es gut, dass der Weg kurz war. Ein längerer hätte noch nicht gut getan.

Auch das ist vermerkt.

7. Mai 2026 – Rekonvaleszent im Urlaub

„Die beste Krankheit taugt nix“, pflegte Mama N. immer zu sagen. Ich stimme dem zu. Unter allen denkbaren Erkrankungen wäre meine wohl ganz vorne mit dabei von denen, die man sich aussuchen würde, wenn es denn eine sein müsste. Keine dollen Schmerzen oder Einschränkung der Selbstständigkeit, keine Medikamente oder Anlass zur Sorge notwendig und allgemein der Ausblick, sich in zwei Wochen schon nicht mehr daran zu erinnern. Das ist top unter den möglichen Krankheiten, zumal unter denen, die ich mir schon ausgemalt hatte, als ich mich ein kleines bisschen unwohl fühlte. Ich hatte ja kurz vorher den Balkon verschönert und daher kurz überlegt, ob ich mir durch Kontakt mit Vogelkot evtl. Vogelgrippe eingefangen habe oder durch das Wühlen in den Blumenkästen vielleicht Tollwut (wobei ich da Tollwut mit Tetanus verwechselte und gegen letzteres bin ich natürlich geimpft, außerdem trug ich Gartenhandschuhe). Und beides gleich auf die Katze übertragen habe, der ging es ja auch schlecht. Und ob man das dann eigentlich auch Zoonose nennt, Herr Drosten sprach ja immer nur von Übertragung vom Tier auf den Menschen, nicht umgekehrt, ich fühlte mich unterinformiert. Und beschloss, Google zu konsultieren, dabei kam mir der Gedanke, ich könnte auch das Fieberthermometer konsultieren, das gab gut Aufschluss zu meinen wirren Gedanken und ich schlief einfach wieder ein.

Nachts wurde ich gegen zwei von der schreienden Katze geweckt, sie hatte nämlich wieder Hunger. Ich freute mich und konnte beruhigt sofort nach Fütterung wieder einschlafen. Dass sie morgens um 6 auf mir herumhopste und weiteres Futter forderte, freute mich immer noch ein bisschen. Ich habe ja nichts vor und kann den ganzen Tag schlafen.

Das tat ich dann aber nicht, weil ich mich unerwartet verbessert fühlte. Das Fieber war weg und blieb weg und alles andere war rückläufig, das größte Thema ist jetzt, dass meine Ohren irgendwie zu sind (wobei das mehr Herrn Ns Thema ist, ich schreie halt einfach immer „Was??“ „Was???!“ „SAG MAL LAUTER!!“) und dass mir beim Husten die Bauchmuskeln schmerzen. Vielleicht führt das noch zu einer durchtrainierten Rumpfmuskulatur, das ist ja auch nicht verkehrt.

Den Vormittag über schaute ich einen Film, den mir das ZDF in die Timeline spülte, nämlich „Olivia“ – er hat mir gut gefallen, ich schaute gleich auf Youtube nochmal Olivia Jones auf dem NPD Parteitag an. Danach stand ein zweistündiger Mittagsschlaf an.

Erfrischt und erholt bereitete ich Nudelsalat zu – ich schmecke sehr wenig, die Textur ist aber sehr angenehm. Ebenso von Quark mit den frisch eingetroffenen Crowdfarming-Blaubeeren. Später unternahm ich noch einen kleinen Spaziergang, das war besonders schön und wohltuend für alles, was mit Atmen zu tun hat.

Ich glaube, morgen bin ich wieder gesund!