Juli 2026

29. Juli 2026 – Lerchenschwumm

Heute schloss ich mich erstmalig auch dem Prinzip „Lerchenschwumm“ an. Üblicherweise gehe ich mittwochsabends schwimmen. Seit Sommereinbruch schaffe ich das nicht mehr, zum einen, weil die Freibäder nur bis 20 Uhr geöffnet haben (im Gegensatz zu den Hallenbädern, die bis mindestens 21 Uhr, teilweise bis 22 Uhr den Besuch erlauben). Zusätzlich ist es natürlich auch gegen 18:30 Uhr viel zu heiß und sonnig draußen, als dass ich meine Haut diesen Zuständen ungeschützt aussetzen würde. Und nochmal zusätzlich sind die Freibäder überfüllt.

Also kam ich heute als relativ späte Lerche um 8 Uhr im Schwimmbad an und wurde sofort integriert. Schon am Spind stellte sich Irma (wie ich erfuhr) vor mich und sagte: „Wer bist du denn?“ Ich nanne meinen Namen, Irma ihren, sie fragte, ob ich Wassergymnastik im flachen Becken mache oder Schwimmen im tiefen Becken, das würden sie nämlich trennen. Ich beglückwünschte zu dieser vorausschauenden Ordnung, bekannte mich als Schwimmerin und sie nahm mich am Arm, um mich „den anderen“ vorzustellen. Die Namen konnte ich mir nicht alle merken, schon kam auch ein Mann und sagte „Das ist die, die in den Männerduschen war!“. Worauf sich Irma sofort schützend vor mich stellte mit den Worten: „Das ist die Neue, die kann nicht wissen, welche Dusche wo ist, wegen der Zettel!“. 

Die Zettel hatte ich auch gesehen. Ob sie, wie Irma für eine wahrheitsgemäße Aussage etwas zu laut behauptete, die Schilder an den Duschen überdeckten, weiß ich nicht mehr, ich trug auch keine Brille, sowieso war in der Dusche aber gar kein Mann, die Duschen an sich sind geschlechtslos und ich war maximal 30 Sekunden darin, denn ich wollte ja nur kurz Staub und Schlaf vor Eintauchen ins Schwimmbecken entfernen und dann waren – wie die Zettel ja auch warnend bemerkten – die Duschen unangenehm warm. Wobei ich warmes Wasser so gut wie immer unangenehm finde. Es fühlt sich ja komplett anders an als kaltes Wasser, gar nicht richtig wie Wasser eigentlich.

Das Warmwasserproblem hatte ich auch ganz massiv vor drei Wochen in London. Ab Flughafen Heathrow gab es überall nur noch warmes Wasser am Handwaschbecken. Nichts finde ich ekelhafter als das. Und es war überall so, in Restaurants, in Pubs, in einfach allen Gebäuden. Ich weiß, England ist sowieso Wasserhahn-gechallenged, man hat sich dann wohl einfach die Variante für „kalt“ eingespart. Das Schlimmste Wassererlebnis war in der Unterkunft – Abreise zu Hause um 5 Uhr, Landung um 8 Uhr (Ortszeit), durch die 30-Grad-im-Schatten-heiße Stadt stromern bis 16 Uhr und dann, in Erwartung einer kalten Dusche, nur warmes Wasser. Ich dachte für einen Moment, ich müsse sterben, doch dann goss ich mir in der Dusche den Inhalt der Wasserflasche aus dem Kühlschrank über den Kopf und war gerettet. Jedenfalls für diesen ersten Tag.

Zurück zum Lerchenschwumm, das Wasser im Becken war angenehm frisch und die Personendichte angenehm gering. Einmal Altdeutsch-Rücken, viermal Brust (eine davon Irma), ein Herr kraulte und favorisierte dabei die Technik des Auf-der-Stelle-Kraulens. So hatte ich sogar ausreichend Platz für meine nicht ganz perfekten Rollwenden und konnte meine Strecke ohne Unterbrechungen schwimmen. 

Bis die Hallenbäder öffnen, werde ich jetzt immer morgens schwimmen gehen. Immerhin, ein Sommerproblem ist gelöst. Es verbleiben ja noch ausreichend andere.

Tschüss, Papa N.

(Dieser Beitrag ist besonders für InaPoe, Joriste, Fischköppi und Hafensonne, nahoernsiemal und gurkenwurst, Vanessa, Stedtenhopp, die Kaltmamsell, Katzentratschen, Giardino, Frau Brüllen, Maike Paul, ubrummak, maske_katja, Frau Klugscheißer, Majorie, Kuchenschwarte, bhollerholler, Alba/OddlyFlowers, Rebekka, hotelmamama, Miss Megaphon, Buddenbohm, papperlapapp, Isabella Donnerhallen, Feodora, fliggerit, Küchenlatein, Isabel, Crocodylus, Violinista, NitroNika/5Kaffeespäter, jawl, Excellensa, Francine, Bettina und Linda vom Lesedings)

Ihr Lieben, ich danke euch von Herzen, dass ihr alle an Papa N und mich gedacht habt und die Traurigkeit ein kleines Stückchen mittragt. Papa N ist an den Folgen einer Lungenentzündung, letztendlich aber an „Alter“ gestorben. Schon bei einer Herz-OP Anfang des Jahres konnten nur zwei von drei Engstellen versorgt werden, weil sonst durch das notwendige Kontrastmittel die Nieren versagt hätten. Die für das Herz notwendigen Blutverdünner verursachten durch die morschen Gefäßwände überall Blutungen und es wird dann mit der Zeit immer schwieriger, diese ganzen Dinge auszubalancieren. Die Lungenentzündung hat das Gleichgewicht dann final gekippt. 

Papa N war immer ganz er selbst, ein Mensch mit riesiger innerer Freiheit, einer Offenheit für alle Menschen und einer bedingungslosen Großzügigkeit: alles, was er konnte und wusste und hatte, hat er geteilt und sich darüber gefreut, dass er das tun konnte. Er hatte die große Gabe, das Gefühl zu vermitteln, dass vielleicht nicht alles immer gut wird, aber dass wir alles, was kommt, irgendwie hinkriegen.

Ich wäre gerne im letzten Moment bei ihm gewesen, aber er hat sich dann doch schneller auf den Weg gemacht, als alle erwartet hatten. Und so war ich gerade auf der Autobahn, als er starb, um meine Sachen für die nächste Nacht zu holen, die ich dann bei ihm verbringen wollte. Darüber bin ich traurig, und gleichzeitig ist es natürlich gut, dass es so schnell ging und er nicht länger im Krankenhausbett herumliegen musste.

Momentan bin ich hauptsächlich unfassbar müde. Seit 2018 befand sich bei mir immer irgendein Familienmitglied in einer existenziellen Krisensituation. Seit Jahresanfang, als Papa N schon einmal im Krankenhaus war, bin ich rund 30 Mal dorthin gefahren, um ihn zu besuchen und die Wohnung aufzulösen – neben einem (etwas-mehr-als)-Vollzeitjob und einem Familienleben 250 km entfernt. Ich hätte das für ihn liebend gern noch undendlich viel länger gemacht. Gleichzeitig merke ich jetzt, wo es vorbei ist, wie viel Kraft diese Jahre gekostet haben.

Nach rund 8 Jahren ständiger Sorge, Erreichbarkeit und Anspannung weiß ich noch gar nicht genau, wer ich ohne all das bin. Das werde ich nun hoffentlich herausfinden.