26. Oktober 2026 – Kopf, Kragen, Knie
Während Frau Herzbruch sich bereits um Kopf und Kragen schreibt, benötigte ich mehrere Anläufe, bevor ich mich mit mir selbst geeinigt habe, ob ich den Monat gestern ausgeschrieben habe oder als Zahl. Vielleicht sollte ich das Datum einfach weglassen, das würde mir viel geistige Kapazität sparen. Andererseits wäre es dann schwieriger, mein lückenloses Bloggen zu belegen.
Ich hatte vor einiger Zeit berichtet, dass ich nach dem Tod von Papa N erst einmal wieder herausfinden muss, wer ich bin, wenn ich mich zum ersten Mal seit acht Jahren nicht ununterbrochen um jemanden und häufig auch für jemanden sorge und dabei mehrmals wöchentlich 500km Distanz zurücklege. Wofür könnte diese ganze Zeit statt dessen verwendet werden? Bislang lautet die Antwort zu meiner eigenen großen Überraschung: Sport.
So war ich heute am Abend im Dings. Ich sage Dings, weil in dem Sekundenbruchteil, in dem ich das entsprechende Wort tippen möchte, die Begriffe „Fitti“, „Sportstudio“, „Gym“ in meinem Kopf ein unauflösbares Knäuel bilden und mir eben nur noch Dings aus den Fingern kommt. Ich war jetzt knapp 30 mal dort, seit Ende August übrigens, und habe schon einige Personen identifiziert, die es zu beobachten lohnt. Ganz vorne die Klimmzug-Oma, dann der Stöhner, der Renitenterentner und die Musiklehrerin.
Heute war der Stöhner da. Ich nenne ihn so, weil er an jedem Gerät stöhnt und ächzt. Das ist in meinem Dings ein wenig verpönt, es ist eigentlich sehr still dort, wenn man mal das Gewicht zu laut absetzt, schaut man sich halb um und wispert „Verzeihung!“ Deshalb fällt der Stöhner besonders auf, in einem anderen Studio würde er vielleicht zu den leisen Leuten gehören. Der Stöhner ist – ich bin davon überzeugt – im wahren Leben cool und stylisch. Er hat nämlich so eine Frisur. Langhaarig-gewellt mit ganz dezenten Highlights, de das Wort „Surfen“ in der Luft schweben lassen. Im Gym allerdings hat er sich für eine Art Second Life entschieden, denn hier trägt er Turnschläppchen mit Löchern. Dazu stets ein Finisher T-Shirt vom JP Morgan Chase Lauf. Ich habe ihn schon in fünf unterschiedlichen dieser T-Shirts gesehen. Alle davon habe ich auch, ich selbst besitze zwölf. Wobei ich in an mehr als zwölf dieser Läufe teilgenommen habe, seit einigen Jahren verweigere ich aber die Entgegennahme des Vollpolyestershirts, weil ich wirklich nicht weiß, was ich damit machen soll. Tragen möchte ich es nicht, sammeln auch nicht, als Schuhputzlappen eignet es sich nicht.
Mein Training verlief ereignislos, was gut ist, denn ich habe seit gestern Knie. Frau Herzbruch meint, das käme vom Hüpfen beim Karaoke. Ich hingegen bin sicher, es kommt vom Im-Auto-Herumsitzen. Es ging doch vor einigen Jahren durch die Presse, dass Sitzen quasi wie Sterben ist. Am Knie fängt es an. Meine These wird davon gestützt, dass ich gestern Morgen noch keinerlei Beschwerden hatte, sie begannen erst gestern Nachmittag nach gefühlt hundert Stunden Autofahrt auf dem McDonald’s Parkplatz in Wertheim.
Den Rest des Abends verbringe ich nun mit hochgelegten Beinen im Sessel und lese dabei die Berichte der anderen über „Rocky, die Lesung“. Mir gefällt die Unterschiechkeit – wie jede Person ihren Fokus auf ganz eigene Aspekte legt. Und besonders toll ist natürlich, dass es bisher allen gefallen hat!
(Ben hatte die Texte verlinkt – falls jemand meinen ganzen Text noch lesen möchte, hier klicken. Die Markierungen sind zum Lesen unwichtig, das kursive waren nur für mich die Übergänge und das fett gedruckte markiert die verschiedenen Textteile, denn ich habe vier alte Blogeinräge zusammengefügt. Ich habe beim Vorlesen dann ein paar Sachen geändert, weil es in dem Moment besser passte. Aber das kann ich im Nachhinein nicht mehr replizieren, es ist dem Live-Event vorbehalten, dessen Vibe in genau diesem Moment zu den Änderungen geführt hat.)
