Der Vormittag war von Nasenbluten geprägt, am Mittag kam Migräne hinzu. Die meiste Zeit lag ich im Büro irgendwo herum – also nicht im Gang oder so, auf dem einen oder auf dem anderen Sofa und später, weil mir die ständigen Fragen nach meinem Befinden auf die Nerven gingen, in meinem eigenen Raum auf dem Fußboden, und wartete, dass Mittel wirkten. Ich dachte, ich könne nicht nach Hause fahren weil ich mit dem Auto dort war. Ich war auch wirklich nicht fahrtauglich, doch hätte ich das Auto natürlich stehen lassen können und per Bahn oder Uber nach Hause fahren, auf diese Idee kam ich aber nicht. Das ist das Problem, wenn die zentrale Steuereinheit betroffen ist. Sie kann dann keine Lösungen mehr finden, die zu ihrer zeitnahen Wiederherstellung führen.
Gegen 18 Uhr wirkte endlich alles und ich war wieder fit, also fuhr ich ins Schwimmbad. Erstmalig hatte ich heute beim Kraulschimmen das Gefühl, dass es ohne Kurzflossen doch ein bisschen schöner ist als mit. Zwar ist die Gleitphase mit den Kurzflossen natürlich super, doch es ist halt dann immer was am Fuß und das Wasser gleitet nicht um die Zehen. Ich habe den Bewegungsablauf mittlerweile so verinnerlicht, dass ich auch ohne die Flossen eine gute Wasserlage und Gleitphase habe. Also schwamm ich erst eine halbe Stunde ohne Flossen, dann ein paar Bahnen mit und dann für den Abschluss nochmal ein paar Bahnen ohne.
In der Umkleidekabine war dann eine unfreundliche Frau. Normalerweise sind da alle Frauen immer sehr nett, wir grüßen uns, wünschen schönes Schwimmen oder schönen Abend oder was auch immer, machen uns Platz an den Schränken oder im Vorbeigehen und helfen uns mit Creme, Haarentwirrspray und so weiter aus. Wenn verschiedene Menschen sich auf relativ beengtem Raum mit wenig Abstellfläche halbnackt und häufig nass auf rutschigem Boden begegnen, halte ich die freundliche Haltung generell für eine vorausschauende Wahl.
Die unfreundliche Frau schien das anders zu sehen. Sie machte zu allem Möglichen Geräusche. Einer anderen viel etwas herunter, sie seufzte genervt. Jemand musste vorbei, sie schnalzte angestrengt mit der Zunge. Eine weitere hatte ihre Haarbürste vergessen und fragte, ob jemand ausreichend unempfindlich wäre, ihr mit der eigenen auszuhelfen, sie murmelte „man muss halte seinen Kopf auch mal anstrengen“. Darüber musste ich sehr lachen, verlor dabei (ich zog gerade einen Socken hat) ein wenig das Gleichgewicht und warf ein paar Dinge von der schmalen Bank, was die unfreundliche Frau zu weiterem abschätzigen Grunzen bewog. Dabei beließen wir es.
Vielleicht übte die Frau auch. Es gibt diesen Rat, sich in schwierigen Gesprächen oder Prüfungen vorzustellen, das Gegenüber sei nackt. Ich habe nie verstanden, weshalb das beruhigen sollte; es erzeugt vor allem eine neue Form der Irritation, und zwar bei einem selbst. In meinem Umfeld kursierte eine andere Variante: sich selbst unerwartet nackt denken und prüfen, ob die eigene Rede dann noch sitzt. Wenn ja, ist sie belastbar. Es könnte sein, dass die unfreundliche Frau überprüfte, ob sie in einem Haufen halbnackter freundlicher Frauen unbeirrt bei ihrer Haltung bleiben kann. Für größere Aufgaben. Weltherrschaft oder so.
Morgen werde ich keinerlei Migräne haben, das spüre ich bereits und ich werde heute Nacht sehr gut schlafen, das weiß ich auch schon. Auf beides freue ich mich!
