19. April 2026

Lose Gedanken beim Runterkommen:

Ich hatte schon wieder eine gute Kleinanzeigenerfahrung. Und zwar holte Christoph einen riesigen Stapel alter Handtücher bei mir ab, die mir seit über einem Jahr einen Wäschekorb blockieren und den Zugang zur Wäschekiste. Ich fürchte, für Christoph war die Erfahrung nur mittel (obwohl er mir 5 Sterne gab), denn im ersten Anlauf habe ich ihn vergessen und mich nicht wie vereinbart gemeldet. Der Arme. Dann war er beruflich in Limburg und nun hat es nach über eine Woche geklappt, für mich kam es darauf nach über einem Jahr jetzt natürlich nicht mehr an und doch fragte ich mich, was er mit meinen Handtüchern macht, das sich nicht mit weniger Aufwand auch anders machen lässt. Die Antwort ist: Autos polieren. Und er braucht alle Handtücher, die er bekommen kann.

Mehr als dieser Umstand beschäftigt mich, dass ich ihn vergessen hatte. Das ist untypisch für mich und geht gleichzeitig in einen Bereich, der mir an mir seit längerem negativ auffällt. Ich bin nämlich unpünktlich geworden. Viele Jahrzehnte meines Lebens war ich immer zu früh, eine Viertelstunde halt, das habe ich genossen. Ich konnte vor allem, was vereinbart war, noch kurz runterkommen, mich sammeln ging in alle Termine und Verabredungen sortiert und entspannt. Das ist verloren gegangen. Ich bin jetzt im Normalfall wenige Minuten zu spät, mein Handy ist voll von Nachrichten (von mir geschrieben) mit „Ich bin im Aufzug!!“, „Nur noch 1 Haltestelle!!!“, „Biege gleich um die Ecke!“. Ich überlege, wie das kommt. Es ist nicht so, dass mir das gut tut, auch wenn ich zwischenzeitlich gelernt habe, das runterkommen und mich sammeln und sortieren und entspannen in einem Wimpernschlag zu erlernen, einem etwas längeren und bewussteren als dem üblichen Wimpernschlag, also so ca. 4 Sekunden, doch ich glaube, alle meine Verabredungen, beruflich wie privat, nehmen mich nach diesen 4 Sekunden nicht anders wahr als sie es vor Beginn meiner unpünktlichen Phase getan hätten.

Trotzdem möchte ich unbedingt zurück in das leicht überpünktliche Leben. Ich könnte gleichzeitig bei meinem 4-Sekunden-Wimpiernschlag bleiben und die restlichen 14 Minuten 56 Sekunden nutzen, um herumzuschauen oder in einem Buch zu lesen oder den Meldodien in meinem Kopf zu lauschen, mal ganz abgesehen davon, dass es ein anderer Status ist, für einen Termin gelassen lächelnd bereitzustehen als kurzfristig derangiert um die Ecke zu stürmen.

Ich glaube, der Grund ist, dass meine Pläne und Tätigkeiten zu sehr auf Kante gemacht sind, weil es in der letzten Zeit zum einen sehr viele Dinge gab, die ich erledigen „musste“ (also jedenfalls, wenn ich nicht noch lästigere und zeitraubendere Konsequenzen auf mich nehmen wollte) und gleichzeitig nicht bereit war, auf eins der vielen Dinge, die ich wollte zu verzichten. Ich brauche ja das Gewollte als Ausgleich zum Gemussten, sonst ist das Leben nicht so richtig gut.

Wenn meine These stimmt, dann habe ich jetzt wieder eine gute Chance auf ein Leben in Pünktlichkeit!

Nur für Christoph kommt das zu spät.