12. Mai 2026
Ich verhalte mich antizyklisch. Die Welt macht Hanta-Virus, ich kündigte heute an, mein gesamtes Home-Office-Equipment bis Montag zurückzugeben. Ich weiß, Personen ticken da unterschiedlich: ich sehe es für mich nicht, nochmal über „kurz notfallmäßig“ hinaus von zu Hause zu arbeiten und ich möchte auf gar keinen Fall irgenwo in meiner Wohnung zwei Monitore aufgebaut haben und mir auch nur noch ein weiteres Mal den Zeh am Drucker unter dem Tisch anstoßen.
Die Aktion ist nicht ganz anlasslos – die Prüfung der Geräte nach DGUV V3 steht an, sie müssen daher sowieso einmal kurz zu Besuch ins Büro und ich werde sie dann nicht wieder mit zurücknehmen. Wie in solchen Geschichten, in denen Menschen ihre gebrechlichen Eltern zum Nachmittagskaffee in ein Altenheim fahren und dann nicht wieder abholen.
Heute, am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub stellte ich im Büro fest, dass meine kurze Lunte vor dem Urlaub offenbar gar keine Urlaubsreife war. Sie besteht nämlich fort und ist vermutlich Teil einer neuen Grundhaltung. Wir werden uns alle damit arrangieren müssen, ich selbst auch. Es war schön, mich selbst als nette Person wahrzunehmen. Doch das ist jetzt Vergangenheit.
Knapp 3.000 Mails hatten sich in meinem Postfach während meiner Abwesenheit angesammelt. Das ist kein Tippfehler, jedoch natürlich eine komplett bizarre Anzahl. Ich hatte das, als ich Freitag kurz da war, nicht bemerkt (sonst wäre ich vielleicht nicht wiedergekommen), da ich ein recht ausgeklügeltes Filtersystem habe, das mir auf den ersten Blick nur Mails anzeigt, die (in exakt dieser Reihenfolge) a) vom Chef, b) von meiner Assistentin, c) an mich als einzige Person gerichtet sind. Erst auf den zweiten Blick sehe ich dann die Mails, die an mich im To-Feld gehen, und erst danach offenbart sich der ganze restliche Schlonz, der rund 3/4 dieser Mailflut bildete. Den Schlonz betrachte ich rückwärts chronologisch, denn meist sind es irgendwelche ausufernden Hin- und Hermailungen, bei denen nur noch der allerletzte Stand relevant ist (wenn überhaupt). Einen ganz separaten Ordner habe ich dann noch für Mails, bei denen ich im BCC stehe. Das sind meistens Petz-Mails!
Von meiner ja noch recht neuen Assistentin war keine einzige Mail unter den knapp 3.000. Ich ging morgens als allererstes bei ihr vorbei und sie sagte, es seien schon ein paar Themen aufgetaucht, bei denen sie sich mit mir besprechen möchte. Aber nichts davon sei eilig, daher habe sie nicht gemailt sondern alles auf einem Block notiert und wir könnten uns ja später in der Woche mal zusammensetzen. Ich war kurz davor, sie zu umarmen, auf ein Rollwägelchen zu stellen und durch alle Flure zu schieben, dabei zu rufen „Schaut her, so macht man das, ihr Irrsinnigen!!“ Aber ich hatte Angst, dass sie das befremdlich findet und sie davonläuft.
Die andere neue Assistentin fragte ich heute auch, wie es ihr ergangen war und ob es etwas zu erzählen gäbe. Sie sagte, die Stelle sei ja Liebe auf den ersten Blick gewesen und sie sei immer noch begeistert und „endlich beruflich angekommen“, dann umarmte sie mich und schenkte mir Schokolade. Das fand ich befremdlich, lief aber nicht davon. Es ist ja nichts verkehrt an Schokolade.
