10. September 2026
Während ich mich dem Sportvergnügen widme, eskaliert das Büro vor sich hin. Neben mittlerweile seit 16 Monaten andauernder Steuerprüfung und der Planung der zukünftigen Mietfläche habe ich ein neues Projekt, das ich „Erhöhung der Pflegestufe“ benannt habe. Der Chef möchte nicht, dass ich es so bezeichne. Wir sind uns seit drei Tagen über einfach alles uneins. Während ich das natürlich mit enormer Contenance knapp und nüchtern formuliere, verkörpert er ein 4-jähriges Rumpelstilzchen. Es ist eine meiner Personalmaßnahmen, eskalierende Mailverläufe mit verteilten Rollen laut vorlesen zu lassen. Das wäre bei den Mails zwischen dem Chef und mir auch mehr als angebracht. Leider steht er dafür nicht zur Verfügung, so dass ich mir die Mails gelegentlich mit verstellter Stimme selbst vorlese und dann Tränen lache.
Daneben erleiden Menschen Schicksalsschläge, andere erleiden Irrationalitätsschübe und ich kam heute endlich dazu, mal nachzufragen, warum ich für meine Meetings eigentlich nie die üblichen Pralinen hingestellt bekomme: man dachte, ich wolle sie nicht. Wie sehr ich mich – nach 20 Jahren Zusammenarbeit – nicht gesehen fühle, kann ich gar nicht in Worte fassen. Es ist ein Affront.
Morgen muss ich an einem Brandschutztraining teilnehmen. Das habe ich schon 11 Mal getan, ich kann den Inhalt vermutlich mitsprechen, doch ich gehe wegen des guten Beispiels hin. Und weil man dieses Jahr erstmalig nicht hinterher live auf einem Hinterhof Feuer löscht, sondern das mit einer VR-Brille tut. Es hagelt Beschwerden darüber: es sei nicht dasselbe, es sei anders, es sei komisch, es sei umständlich – letzteres interessiert mich besonders, denn was könnte noch umständlicher sein, als an einen anderen Standort zu fahren und dort noch 5 Minuten lang an das hintere Ende eines Parkplatzes zu wandern um dort im Kreis zu stehen und der Reihe nach brennende Mülleimer zu löschen? Vielleicht übersehe ich etwas. Ich muss mir ein eigenes Bild machen, bevor ich auf diese Kritik mit Gelächter reagiere.
