28.10.2026 – Impf
Wie Frau Klugscheißer ja im Intro zu „Rocky die Lesung“ freundlich über mich erwähnte, habe ich einen Zusagereflex. So entsteht für mich seit einigen Jahren im Herbst das Problem, dass ich einem Grippeimpftermin im Büro zugesagt habe, die Betriebsärztin aber kein Covid impft und ich somit auf die Suche gehen muss. Das ist an sich nicht schwer. Ich wollte mir meinen Impftermin aber am Freitag im Auto auf der Fahrt nach München erklicken und ging zudem davon aus, es sei Samstagnachmittag. So stand ich vor dem Problem, dass meine Stamm-Apotheke in Offenbach zwar impft, aber immer nur werktäglich zwischen 11 und 16 Uhr, was eben nicht für mich in Frage kommt. Eine Apotheke in der Nähe des Arbeitsortes impft ebenfalls, der nächste Online-Termin lag aber Ende November, es hätte frühere telefonische Termine gegeben, doch da ich ja annahm, es sei Samstagnachmittag, nahm ich auch an, niemanden erreichen zu können. Dann gibt es noch die Lange Nacht des Impfens am 12.11. Da habe ich aber bereits etwas anderes vor.
Letzendlich fiel mir ein, dass Herr N ja bei unserem neuen Hausarzt geimpft wurde, und dass dieser eine Onine-Terminvergabe hat. So erklickte ich mir einen Termin für heute, denselben Tag der betrieblichen Grippeimpfung, ich mag es ja effizient und möchte im Zweifel nur einmal schlapp sein, nicht an zwei unterschiedlichen Tagen. So hatte ich es letztes Jahr auch gehandhabt, da war ich morgens zur Impfung im Büro und am selben Nachmittg in einer Reiseimpfpraxis. Dort war das Impferlebnis jedoch unangenehm: lange Wartezeit, während der ich mein neues Firmenhandy einrichtete und relativ erfolglos versuchte, sämtlich Geräusche abzuschalten, ich wirkte also wie eine wenig technikaffine 50-jährige, die ihr Telefon nicht im Griff hat. Dann war die Ärztin noch impfunwillig und die Zahlung irgendwie kompliziert.
Heute also Hausarztpraxis, gleich am Empfang wurde ich gefragt, ob ich zu Covid auch noch Grippe nehmen würde, sofort sagte ich zu. Reflexartig, wie gesagt. So konnte ich später, als ich im Wartezimmer auf den unterschriebenen Impfpass wartete die Zeit damit überbrücken, der Impfkoordinatorin im Büro schonend beizubringen, dass meine Dosis übrigbleiben würde, wenn sie sie nicht noch jemand anderen findet (was übrigens gelang). Dann wurde ir langweilig. Alle dort waren relativ schlecht gelaunt, ein Mann vertrieb sich die Zeit damit, in weniger als 60-Sekunden-Abständen auf die Uhr zu schauen und genervte Atemgeräusche zu machen, eine Frau presste daraufhin die Lippen zusammen und schüttelte immer wieder den Kopf, ein weiterer Mann wippte in Selbstberuhigungsgeste mit dem Fuß, jedoch nicht geräuschlos in der Luft sondern tippelnd auf dem Boden.
Dann kam noch eine Frau herein, die laut meckerte, was wiederum mein persönlicher Tipping-Point war. Zeit zu Üben, es ist immer gut, die eigenen Waffen scharf zu halten. Mal sehen, ob ich die Stimmung im Raum drehen kann.
Ich sprach die Meckerfrau an. Sie hatte irgendein Dings bekommen und musste nun so lange im Wartezimmer bleiben, bis es das erste mal „anschlägt“, was immer es auch war. Sie meckerte, dass sie zu spät ins Café zu ihrer Freundin käme. Oh, in welchem Café sie denn verabredet sei, fragte ich, ob es in der Nähe läge und sie es empfehlen könnte. Sie konnte. Der Kuchen sei ausgezeichnet. Wir sprachen über verschiedene Arten von Kuchen und Torte. Über Lieblingskuchen. Wer kann beim Gedanken an Kuchen schlechte Laune haben? Die Lippenpressfrau lauschte. Der Fußwipper sagte „Am besten ist doch so ein ganz normales Stück Marmorkuchen!“ „Hmmm, Marmorkuchen“, sagte ich, „das ist wirklich der allerbeste. Oder Käsekuchen?“ Ich schaute den Uhrschauer direkt an. Er reagierte nicht. Hatte aber schon länger nicht mehr auf die Uhr geschaut, immerhin. Jetzt schaute er aus dem Fenster. „Oder Nuss?“ Keine Reaktion. Ich schaute die Lippenpressfrau auffordernd an. „Ich mag lieber Herzhaftes“, sagte sie. „Gibt es da auch!“, rief Meckerfrau. Sie war total an Bord in Bezug auf den Stimmungsumschwung. „Da können wir ja schon fast einen Stammtisch machen alle zusammen“, sagte ich mit Blick in die Runde.
In dem Moment bekam ich meinen Impfpass ausgehändigt. „Ein Glück, sonst brauch ich bei dem Gesabbel nämlich Bier!“, rief der Uhrschauer mir nach. Damit hatten sich alle Anwesenden in irgendeiner Form am Gespräch beteiligt. Ich werte das als Erfolg auf ganzer Linie!
(Seit 16 Uhr unendlich müde, seit 17 Uhr Zähneklappern und gelegentlich Schüttelfrost, ansonsten alles gut!)
