2. August 2026

Was alles liegen bleibt. Wenn man sich ein paar Monate am Rande des Machbaren bewegt.

Morgens räumte ich den Kühlschrank auf. Die Lieblingsbiersorte von Papa N, von der ich immer eine Flasche gut gekühlt mit ins Pflegeheim nahm. Das alkoholfreie Bier, das er bei seinem Krankenhausaufenthalt im Januar so gern getrunken hatte. Die Gläschen mit frisch geschnittener Melone und Kühlpacks, um sie frisch zu halten, bis sie den Patienten 250 km entfernt erreichen. Ihn dann aber nur schlafend antreffen, das Gläschen wieder mit zurück, vielleicht für das eigene Frühstück am nächsten Morgen, zu dem es dann aus Zeitgründen nie kommt. Und bei der nächsten Fahrt lieber ein neues Gläschen machen, das alte ist zwar erst zwei Tage alt aber in einem fragilen Zustand lieber nichts riskieren zumal bei den Temperaturen. Und zwei halbe Melonen entsorgt, zu deren Schnippeln es dann nicht mehr kam und auf die ich mich für mich selbst bei langen Autofahrten freute, für den Abend, aber dann war ich immer zu müde und irgendwann habe ich sie vergessen. Wie auch die Karotten und die Gurken.

Im Gemüsefach kleine Kakao-Trinkpäckchen, die ich quasi im Gegenzug aus dem Krankenhaus mitbekommen habe. „Du musst ja auch was für die Fahrt haben“. Dass ich schon in der Grundschule keinen Fertigkakao mochte, geschenkt. Es ging um die Geste.

Auf dem Schreibtisch ein Karton mit Keksen, den Lieblingskeksen, die er aber seit einigen Wochen nicht mehr gut abbeißen konnte, ein gesamtes Sortiment an leichter zu kauendem Gebäck zum Durchprobieren, von dünn-knusprig zu dick-weich. Ein anderer Karton mit schönen Erinnerungen aus der Wohnung, die ich ihm nach und nach mitbringen wollte ins Pflegeheim, um ihn nicht zu überfordern. Daneben jetzt ein Karton mit den Sachen aus dem Pflegeheim: die Weihnachtskeksdose, die Uhr vom Nachttisch, das Handy, eine Armbanduhr, ein Stift mit Gravur, ein paar Bilder und – wo er den in den vergangenen vier Monaten aufgegriffen hat, wird jetzt für immer Papa Ns Geheimnis bleiben – ein Modeschmuck-Damenring. Daneben eine Tasche mit Sachen aus dem Krankenhaus. Die Brille, eine Zeitschrift und die drei Bücher, die ich mitgebracht hatte zum Vorlesen, eins nach dem anderen in abnehmender Komplexität. Ähnlich wie mit den Keksen in immer hilfloseren Versuchen, zu kompensieren, aufzuhalten, doch noch die Kurve zu kriegen.

In Ms altem Zimmer steht ein Schrank, in dem ich ausreichend Platz habe für die Fotoalben, die anderen Bilder und ein paar ausgewählte Erinnerungsstücke, die für mich keinen Gebrauchswert haben, aber die ich nicht weggeben möchte. Dort sind nun auch die Uhren, die Brille und der Stift. Beim Einräumen dachte ich für einen Moment, im Schrank würde es nach der Wohnung meiner Eltern riechen, vielleicht durch die ganzen Gegenstände. Als ich ihn dann nochmal öffnete, bemerkte ich aber, dass er nur nach Holz roch. Dafür tickt der Wecker munter vor sich hin und ist sogar auf die richtige Uhrzeit eingestellt. Ich ließ ein Lächeln im Schrank und schloss die Türen wieder.

Leider auch auf dem Schreibtisch: Etwa vier Zentimeter Papier, an das ich keine Erinnerung habe. Also auch nicht, ob ich mich schon darum gekümmert habe oder nicht und vieles hat seine Relevanz verloren. Visitenkarten der Stationen im Uniklinikum, Behandlungsvereinbarungen, Einladung zum Grillabend im Pflegenheim, Kontoauszug aus der „Taschengeldkasse“, Steuerbescheid und letzte Nebenkostenabrechnung von Papa N, Kündigungsbestätigungen von allem Möglichen, Einladung zum Angehörigenabend, Rechnungen vom Sanitätshaus. Und viele Notizzettel zu notwendigen Bestellungen und notwendigen Fragen und Telefonaten, natürlich aber auch zu eigenen Angelegenheiten: wer beauftragt den Fliesenleger für das Loch im Bad, neuen Termin machen für das Gäste-WC, Termin machen für die neue Brille und zur Zahnkontrolle. Halbfertige Vorgänge zu Kostenerstattungen, vielleicht auch fertig oder gar nicht angefangen, ich habe den Überblick verloren und werde mich neu einarbeiten müssen. Die Teilnahmeurkunde vom Gesangsworkshop. Der war vor gut drei Monaten, es kommt mir vor, als sei eher ein Jahr vergangen.

Den Alltag zurückerobern, das ist die Aufgabe für die nächsten Wochen.