Heute Morgen war ich beim Sport. Herr Siemens war auch da. Ich hatte ihn schon häufiger gesehen, er trug immer dasselbe T-Shirt, das den Firmennamen eines deutschen Technologiekonzerns zeigt. Vielleicht arbeit er dort, oder eher: arbeitete, denn die Zeiten der Berufstätigkeit von Herrn Siemens sind sicher schon verstrichen.
Er wirkte auf mich bisher unauffällig, nur häufig im Gespräch mit anderen. Heute mit mir. Er hatte nämlich einen ähnlichen Trainingsplan wie ich, war aber kurz nach mir gekommen, so dass er mir an die Geräte folgte. Und dabei immer schaute, welches Gewicht ich eingestellt hatte. Ich hatte immer gedacht, es sei in solchen Studios eine unausgesprochene Konvention, gerade nicht nach dem Gewicht anderer zu schauen oder es zumindest dezent bis heimlich zu tun. Beides war bei Herrn Siemens nicht der Fall, im Gegenteil, er adressierte es gut vernehmbar: Entweder sagte er: „Oh, Sie haben mehr Gewicht aufgelegt als ich. Sie sind aber ja auch noch jünger als ich!“ Oder er sagte: „Hier haben Sie weniger Gewicht aufgelegt als ich. Ich bin aber ja auch ein Mann, da ist das mit der Muskelmasse anders“. Beides taugte ich gleichermaßen, was mich für ihn freute. Ich korrigierte ihn nur einmal, an der Beinpresse, dort hatten wir denselben Wert. „300 kg beide, darauf müssen wir einen Schnaps trinken!“ „Es sind Pfund“, sagte ich dazu. Er ignorierte diese unnütze Detailinformation.
„Der Siemens ist aber flirty heute!“, sagte Frau Sonnenbank. Sie sagte seinen richtigen Namen, den ich mir aber nicht merkte, er hat ja für mich bereits einen sehr gut passenden Namen. Frau Sonnenbank kannte ich bis dahin noch nicht und benannte sie ebenfalls ganz spontan. Sie sagte es mir aber im Hinausgehen aus dem Trainingsraum, so dass ich nichts weiter über sie zu berichten weiß.
An der Klimmzugmaschine war heute überhaupt niemand. Ich habe bald meinen ersten Trainingsplan voll, dann bekomme ich – so verstehe ich das – einen mit Rückseite. Vielleicht qualifiziere ich mich dadurch für die Klimmzugmaschine!
